Auf Beethovens Spuren in Bonn

Ausstellungen und eine reiche Museenlandschaft

Wer im Beethovenjahr 2020 seinem Idol näherkommen möchte, wird wohl zwei Städtereisen unternehmen wollen: Bonn und Wien.

In Bonn ist seit wenigen Wochen das Geburtshaus wieder vollständig eröffnet, und die Bonner Oper hat Fidelio auf dem Spielplan. Es empfiehlt sich also, die Spurensuche in der alten Bundeshauptstadt zu beginnen, die gar nicht so groß ist, wie das Prädikat „Bonner Republik” für die deutsche Nachkriegsgeschichte vermuten läßt.

Den „Fidelio” darf man getrost schwänzen, es sei denn, man interessierte sich für das Leid der Kurden in der Türkei, das in der Inszenierung einen viel zu breiten Raum einnimmt und die eigentliche Oper an den Rand drängt. Oder für die vom Fernsehen bekannte Technik, den grünen Hintergrund durch eingespielte Bilder zu ersetzen, die den Eindruck erwecken, die Künstler agierten auf Schlachtfeldern und in zerbombten Städten oder schwebten engelsgleich über das Staatsgefängnis.

Das in fußläufiger Entfernung von Opern- und Beethovenhaus gelegene Budgethotel „Motel One” ist aber dennoch ein guter Ausgangspunkt für das quirlige Städtchen am Rhein, erreicht man doch mit der Stadtbahnlinie 66 alle für Museumsgänger wichtigen Ziele auf direktem Weg und in wenigen Minuten. Doch beginnen wir mit dem Beethovenhaus.

Beethoven-Haus

Durch diese Zimmer mit ihren knarzenden Dielen und über diese engen Stiegen tobte also der kleine Ludwig, bevor ihn der Ernst des Lebens ereilte. Denn früh übt sich das Genie, auch das musikalische. Es ist gerade recht viel los in der überschaubar großen Stadtwohnung, man fühlt sich ein wenig wie beim Sammel-Besichtigungstermin eines Immobilienmaklers. Nur mit dem Unterschied, daß diese Wohnung nicht leer ist, sondern voller Tisch- und Wandvitrinen mit Briefen und handgeschriebenen Noten, die letzteren stellenweise ausgebessert, so wie es Beethovens Arbeitsstil war. Seine Hörrohre brauchte er damals noch nicht, sehr wohl aber die diversen Instrumente und insbesondere das Hammerklavier. Das berühmte Porträt, normalerweise im Erdgeschoß bei den anderen Gemälden zu finden, ist derzeit an die Bundeskunsthalle ausgeliehen, wir kommen später noch darauf zurück. Seinen Platz nimmt derweil ein Werk ein, das die Gesichtszüge des Meisters in schwarz auf schwarz wiedergibt, und nur wer sorgfältig und genau hinschaut, erkennt überhaupt etwas.

Den Shop- und Kassenbereich hat man bei der Neukonzeption klugerweise auf der gegenüber liegenden Straßenseite untergebracht, und da es für Shop und Eintritt nur eine einzige Kasse gibt, ist an Tagen mit Besucherandrang etwas Geduld angesagt. Das macht aber nichts, denn das Haus könnte ohnehin nicht so viel Publikum auf einmal aufnehmen.

Erheblich größer und für das Verständnis der Beethovenzeit auch wichtiger ist die Ausstellung in der Bundeskunsthalle, aber es wäre jammerschade, auf dem Weg dorthin zwei andere bedeutende Museen auszulassen, die sich ebenfalls an der Museumsmeile befinden: das Naturkundemuseum und das Haus der Geschichte.

Museum König

Ein Gepard hat eine Gazelle gerissen und sich samt Beute auf einem Baum in Sicherheit gebracht. Und das mitten in Bonn. Die afrikanische Savanne mit ihrer typischen Tierwelt ist das Schaustück des Museums Alexander König. Man sollte sich aber nicht allzu sehr davon fesseln lassen, denn das Museum ist größer als es zunächst scheint, und ringsum warten weitere typische Landschaften mit ihrer jeweiligen Tierwelt.

Wie kommt es eigentlich zu den verschiedenen Klimazonen? Vier Leuchtgloben demonstrieren das Zusammenspiel zwischen der Achsneigung der Erde und ihrem Umlauf um die Sonne. Im Sommer ist, wie immer man den Globus auch dreht, die nördliche Polarregion dauerhaft beschienen, eine Nacht gibt es nicht. Frühjahr und Herbst zeigen eine Schattenlinie, die genau über den Pol verläuft, Tage und Nächte sind jetzt gleich lang, überall auf der Erde. Und im Winter ist die gesamte Erde dunkel. Ach so, das Lämpchen im Globus ist defekt. Den Kindern ist’s egal, sie haben ihren Spaß am Drehen, und dann lockt auch schon die nächste Attraktion: „kuck mal, Mama, ein Dinosaurier!” Es handelt sich zwar ein Walskelett, aber wenn etwas groß ist und aus Knochen besteht, langt der kindliche Erfahrungsschatz halt auch schon mal in die falsche Kiste.

Weit weniger auffällig sind, mit wenigen Ausnahmen, die Tiere des Regenwaldes nebenan. Viele von ihnen entdeckt das suchende Auge erst auf den zweiten Blick oder wenn, gesteuert vom Zeigefinger auf der interaktiven Texttafel, der Lichtkegel auf sie fällt. Als hilfreich erweist sich, daß die Tiere, so echt sie auch aussehen, nicht weglaufen. Das ist so bei Dioramen, und es gibt hier ganz viele davon: Tundra, Wüste, ja sogar eine europäische Winterlandschaft mit einer Rotte Wildschweinen findet sich.

Ganz oben, im Bereich für Sonderausstellungen, kommt es dann doch noch zu einer Begegnung mit den Giganten der Kreidezeit. Aus unerfindlichen Gründen begeistern sie die jungen Besucher weit mehr als die kuscheligen Pelz- und Federwesen weiter unten. Und so findet in diesem Museum jeder, ob jung oder alt, eine Abteilung, deren Exponate ihn ganz besonders ansprechen. In meinem Fall war es die Vitrine mit dem Kakapo, dem flugunfähigen Papagei Neuseelands, der beinahe ausgestorben wäre.

Haus der Geschichte

Im kleinen, für die Nachkriegszeit typischen Lichtspielhaus mit seinen plüschenen roten Klappsesseln und der schalldämmenden Wandbespannung steht „Das Mädchen Rosemarie” auf dem Programm. Das verglaste Kassenhäuschen hat ein Sprechloch und einen Drehteller, in den der Kinogast von einst sein Geld und die Kassenkraft die Tickets legte. Ein kurzer Dreh, und schon hatten beide, was sie begehrten. Wer solche Schalter nicht aus seiner Jugend kennt, kann sich ihre Funktion nur schwer vorstellen, genau wie bei der Schreibmaschine nebenan oder dem Wählscheiben-Telefon. Aber genau dafür ist ein solches Museum ja da. Und in dieses Kino geht man auch nicht, um den Film zu sehen, das Vorprogramm ist viel interessanter: zuerst tappst der Bärenmarke-Bär sympathisch-unbeholfen über die Almwiese, dann folgt die Wochenschau mit Nachrichten aus aller Welt. Herrlich.

Das Museum beginnt quasi bereits im Verteilergeschoß der Stadtbahn. Eine Kasse gibt es nicht. Vorbei an Adenauers Mercedes und Reisewaggon gelangt man hinauf ins Foyer, wo die spannende Zeitreise in der unmittelbaren Nachkriegszeit beginnt. Das Haus der Geschichte kennt so gut wie keine Vitrinen, man setzt auf sprechende Inszenierungen. Alles ist so unterhaltsam aufbereitet, daß nicht eine Sekunde lang das Gefühl von Geschichtsunterricht aufkommt. Da gibt es etwa die 50er-Jahre-Bar, an deren Tresen man am liebsten Platz nehmen möchte, um auf den Barkeeper zu warten, der wohl nur mal eben um die Ecke gebogen ist. Im Schaufenster nebenan wird angepriesen, was dereinst das heimische Wohnzimmer zierte. Ob sich der typische „das hatten wir auch” Effekt bereits hier einstellt oder erst weiter oben, hängt vom Alter des Betrachters ab. Und wer wäre nicht gerne auch selbst einmal mit einem solchen bunten Flowerpower-Camping-Bully unterwegs gewesen?

Natürlich thematisiert das Museum auch die politische Entwicklung der jungen Bundesrepublik und den Ost-West-Konflikt, an den Wänden prangen die Wahlplakate von einst neben den dazugehörigen Köpfen: Willy Brandt, Helmut Schmidt, Helmut Kohl und all die anderen. Und wieder geht es eine halbe Etage hinauf. Der Fall der Mauer, die Wiedervereinigung, alles ist unterhaltsam aufbereitet, und die Zeit vergeht wie im Flug. Man hätte wirklich mehr davon mitbringen sollen.

Vom Freuheitsgedanken beseelt und mit der Europahymne im Herzen ist es nun aber an der Zeit, sich erneut Beethoven zuzuwenden.

Beethoven-Ausstellung in der Bundeskunsthalle

Für altstadtnah logierende Besucher liegt die Bundeskunsthalle zwar etwas außerhalb, ist aber wie die anderen Museen der Bonner Museumsmeile gut per Stadtbahn erschlossen. Ob die Ausstellung „Beethoven. Welt. Bürger. Musik”, die noch bis zum 26. April geht, den hoch gesteckten Erwartungen gerecht wird? Nein, das wäre maßlos untertrieben: sie stellt sie in den Schatten. Durch sorgsam ausgewählte Exponate, durch wohldosierte Texte, durch ein überzeugendes grafisches Konzept mit Leitlinien zwischen den Medieninseln und den zugehörigen Schaubildern, vor allem aber durch eine fazinierend aufgezeigte Parallelität der zeitgeschichtlichen Ereignisse mit den Lebensstationen Beethovens. Besser und überzeugender kann eine Ausstellung nicht sein.

Gleich nach dem Abschnitt mit den Musikinstrumenten der Beethovenzeit empfängt die Besucher ein wandhohes Napoleon-Gemälde. Was der Franzosenkaiser mit dem Komponisten zu tun hat? Eine ganze Menge! War er es doch, dem Beethoven seine „Eroica” widmete. Und eben diese Widmung später wütend wieder herausradierte, nachdem der Geehrte ihm wegen seines imperialistischen Strebens nicht mehr würdig genug erschien. Und da war noch etwas: mit der französischen Besetzung Bonns endeten auch die Zuwendungen des Kurfürsten, der bis dahin Beethovens Mäzen gewesen war. Als Folge all dieser politischen Ereignisse verlegte der Komponist seinen Lebensmittelpunkt schließlich dauerhaft von Bonn nach Wien.

Auch im weiteren Verlauf der Ausstellung sind Beethovens Lebensstationen anschaulich und spannend nachgezeichnet. Der Besucher kann sich in eine Aufführung des „Fidelio” vertiefen, Beethovens einziger Oper, oder auf dem „Emoti Chair” Platz nehmen. Was das ist? Nun, der Stuhl macht Musik haptisch erfahrbar, man wähnt sich wie mit Pauken und Kontrabässen auf ein- und demselben Podest.

Was bleibt, außer den bereits erwähnten Aspekten, dauerhaft im Gedächtnis? Für mich ist es das Gemälde, das den Komponisten in seinem Arbeitszimmer zeigt: es soll nämlich recht unordentlich zugegangen sein im Hause Beethoven. Und schaut man sich seinen typischen Tagesablauf an, erkennt man leicht, daß ihm das Denken und das Komponieren wohl wichtiger war als die profanen Dinge des Lebens: vormittags am Klavier, nach dem Mittagessen ein Spaziergang oder Kaffeehausbesuch, und abends dann irgendwo auswärts. Das Angebot an Konzerten dürfte in der Hauptstadt der Musik ja beträchtlich gewesen sein.

Schade, daß der große Meister schon im 56. Lebensjahr abtreten mußte, er hätte der Welt noch so viel Musik schenken können. (rg)

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