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Florale Paradiese auf Papier

Das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg zeigt hochkarätige illustrierte Pflanzenbücher.

Die amerikanische Türkenbundlilie (Lilium superbum), eine von 125 Lilienarten weltweit, erreicht eine Wuchshöhe von bis zu 3 Metern und trägt bis zu 40 „nickende” Blüten, die mit ihren zurückgeschlagenen Perigonblättern an einen Turban erinnern. Im großformatig-prächtigen Bildband „Plantae Selectae”, einem zehnteiligen Lieferungswerk auf Subskriptionsbasis des Herausgebers Christoph Jacob Trew, ist die Seite mit dem von Georg Dionysius Ehret meisterhaft aquarellierten Gewächs aufgeschlagen, während die zugehörige noch prächtigere Vorzeichnung gleich nebenan als gerahmtes Einzelblatt ausgestellt ist.

Man möchte die Buchseite am liebsten umblättern, um noch mehr der insgesamt 100 kolorierten Kupferstiche zu sehen. Aber jegliches Berühren ist natürlich strikt untersagt. Zudem finden die Gelüste nach mehr Pflanzen- und Blumenbildern ja ringsum genug weitere Nahrung. Das Museum beabsichtigt, die Motive an den Wänden alle drei Monate zu wechseln. Um den eigenen visuellen Horizont auf das Vierfache zu erweitern, genügt es also, regelmäßig wiederkommen.

Die Ausstellung operiert exakt am Schnittpunkt von Natur, Kunst und Wissenschaft. Denn so bezaubernd die Illustrationen auch sein mögen, sie dienten zunächst einmal weniger der ästhetischen Erbauung als vielmehr zur Veranschaulichung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse. In der Frühen Neuzeit war das eine große Herausforderung, denn vor dem Druck stand der Kupferstich, und vor dem Kupferstich die präzise gemalte Vorzeichnung. Zudem war der Farbdruck noch nicht bekannt, so daß nach erfolgtem Druck noch die korrekte Kolorierung aufzubringen war.

Genau diese Technik des Kolorierens mit Wasserfarben ist es, die den Restauratoren heute viel Kopfzerbrechen bereitet. Denn damit diese Farben nicht ausliefen, wurde das Papier mit Alaunlösung behandelt: eine Substanz, die auf längere Sicht Kupferfraß verursacht, und Kupferfraß läßt das Papier brüchig werden. Diese Brüche mußten erst einmal sorgfältig verklebt werden, um die Blätter dauerhaft aufbewahren oder gar in einer Ausstellung zeigen zu können.

Kräuterbücher

Die Kräuterbücher der frühen Neuzeit, von denen einige bedeutende Exemplare ausgestellt sind, dienten vornehmlich der Bestimmung und Beschreibung von Heilpflanzen. Ende des 16. Jahrhunderts weitete sich das botanische Interesse jedoch aus und umfaßte nun auch Nutz- und Zierpflanzen.

Ein vergleichsweise handlich dimensioniertes und dennoch bemerkenswertes Buch ist „Ortis sanitatis auff teutsch Ain garten der gesunthait”, erschienen 1487 bei Conrad Dickmut in Ulm: von einem Arzt verfaßt, ist es das erste gedruckte Arzneipflanzenbuch in deutscher Sprache, aufgeschlagen darin die Seite mit der Mazedonischen Petersilie samt Beschreibung, derzufolge in Wein gekochte Samen und Wurzeln Frauenleiden lindern sollen. Dem antiken Gelehrten Plinius zufolge wächst – auch das läßt sich dem aus heutiger Sicht orthografisch etwas kreativen Text entnehmen – das medizinisch wirksamste Petrosilium im Herkunftsland Syrien auf hohen Felsen. Daher auch der Name.

Vertraute man anfangs noch voll und ganz in die überlieferte Autorität der antiken Gelehrten, flossen in der frühen Neuzeit erstmals auch eigene Erkenntnisse und Erfahrungen in die Beschreibung der medizinischen Wirksamkeit ein. Einige Autoren, allen voran Konrad Gessner, brachten sogar den Mut auf, die Substanzen am eigenen Körper zu erproben: gefährliche Experimente im Dienste der Wissenschaft. Geordnet sind die Beschreibungen übrigens nach den Körperteilen, deren Beschwerden sie linderten, beginnend beim Kopf bis zu den Füßen.

Väter der Botanik

Mit dem gewandelten Blick auf den Forschungsgegenstand änderte sich auch dessen bildliche Darstellung. Gefragt war nicht mehr die möglichst perfekte Abbildung der Natur, sondern die Visualisierung spezieller Charakteristika der jeweiligen Pflanze. Der Bruch mit den spätmittelalterlichen Bildtraditionen hatte also gute Gründe und war genau genommen sogar der modernen Photographie überlegen, indem man verschiedene Blühstadien gleichzeitig abzubilden vermochte.

Allmählich traten die beschreibenden Texte aber mehr und mehr in den Hintergrund. Der bereits erwähnte Konrad Gessner entdeckte bei einem Augsburger Händler die Zwiebeln einer bis dato in Europa völlig unbekannten Zierpflanze, die später ihm zu Ehren den botanischen Namen Tulipa gesneriana erhielt: die Gartentulpe. Er pflanzte sie ein und hielt ihr Blühen auf einem Zeichenblatt fest, das ebenfalls in der Ausstellung hängt. Der Botaniker glaubte offenbar, fünf verschiedene Tulpenarten vor sich zu haben, die er mehr beschreibend als benennend mit Tulipa alba maculis roseis, Tulipa lutea minimate punctata usw. bezeichnete, denn die heute übliche binäre Nomenklatur kam erst rund 200 Jahre später bei Carl Linné auf.

Im 17. Jahrhundert schließlich verselbständigten sich Text und Bild der Pflanzenbücher, und es entstanden die ersten reinen Blumenbände ohne jeglichen medizinischen Nutzen, dafür aber vor Extravaganz und Gärtnerstolz strotzend. Einmal gedruckt, legten sie den Fürsten und Fürstbischöfen ihre Garteninventare quasi dauerhaft in den Schoss, so dass sie sich auch winters noch an ihren floralen Paradiesen ergötzen konnten.

Eines der Highlights der Ausstellung ist das mit viel Aufwand produzierte Florilegium „Hortus Eystettensis” („Der Garten von Eichstätt”) mit großformatigen und zum Teil kolorierten Abbildungen jener exotischen Pflanzen, die der Fürstbischof Johann Konrad von Gemmingen in der Bastion der Eichstätter Willibaldsburg hatte anpflanzen lassen.

Maria Sibylla Merian

Die zeitweilig in Nürnberg lebende Künstlerin und Forschungsreisende wurde vor allem durch ihr Hauptwerk „Metamorphosis insectorum Surinamensium” berühmt: Natur und Kunst kommen darin so sinnbildlich überein wie in kaum einem anderen Pflanzenbuch. Wo ihre Malerkollegen Schmetterlinge, Fliegen und andere Insekten bestenfalls als Beiwerk hinzunahmen, machte sie sie zum Hauptmotiv. Bei den ausgestelllten Blättern handelt es sich um arbeitsaufwendige sog. Umdrucke, bei denen vom noch farbfeuchten Papier ein Abdruck genommen wird.

Zusammenfassend sei über die Ausstellung gesagt, daß sie den schlagenden Beweis antritt, wie unerschöpflich reich und spannend Kulturgeschichte sein kann, wenn sie in Gestalt illustrierter Pflanzenbücher und einzelner, zwecks besserer Erhaltung aus ihrer Bindung gelöster und mit kontrastfördernden Passepartouts hinterlegter Papierbögen daherkommt.

Coronabedingt sind keine Führungen möglich. Wer sich nicht nur am schönsten deutschen Pflanzenbuch des 18. Jahrhunderts erfreuen, sondern auch gezielt Fragen stellen möchte, sei daher auf die Cicerone-Termine hingewiesen, zu denen jeweils ein kompetenter Ansprechpartner bereitsteht.

Verantwortlich gem. §55 Abs 2 RStV: Rainer Göttlinger. Pressemitteilungen willkommen. #1048726 © Webmuseen