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Himmelsscheibe und Waldelefant

Ärchäologisch unterwegs in Sachsen-Anhalt

Wer die Himmelsscheibe erleben will, muß beides bereisen: Nebra und Halle.

Wer die Himmelsscheibe erleben will und aus Süddeutschland anreist, verläßt die A71 bei Heldrungen, folgt für etwa 30 Kilometer dem Tal der Unstrut – und achtet am besten erst gar nicht auf die zahlreichen Wegweiser zur „Modellbahn Wiehe”, denn die Option auf einen Besuch der größten Modellbahn Deutschlands droht zu erheblichen Verwerfungen im Reiseplan zu führen. Ein kurzer Blick sei aber erlaubt: mehrere Hallen, fast zwei Kilometer Gleise in H0, 280 Quadratmeter ICE-Neubaustrecke, die Harzbahnen, der Orient-Express und 780 Terrakotta-Krieger im Maßstab 1:2½. Eine solche Attraktion läßt man nicht links liegen, ohne zumindest den Vorsatz einer Wiederkehr zu fassen.

Goldene Horizonte

Und dann kommt auch schon die Arche in Sicht: einem der goldenen Horizontbögen der berühmten Bronzescheibe nachempfunden, thront sie auf der gegenüberliegenden Flußseite über dem Steilufer. Zuerst aber gilt es noch, eine schmächtige Brücke zu überqueren, einen freien Parkplatz zu finden und dann einen halben Kilometer moderat bergauf zu marschieren.

Im Erdgeschoß des markanten, mit goldglänzenden Schindeln bedeckten Gebäudes gibt es ein Café, aber die eigentlichen Attraktionen warten natürlich oben. Da ist zum einen die phantasievolle Inszenierung der Scheibe, deren Original sich im übrigen gar nicht hier befindet, sondern im Ärchäologischen Landesmuseum im rund 60 Kilometer entfernten Halle. Zum anderen erläutert eine Planetariumsshow die Vorgänge am Himmel, die auf der Scheibe vermutlich dargestellt sind.

Auch dem Laien springen auf der Scheibe natürlich sofort eine Sonne, eine Mondsichel und ein Gebilde aus sieben Sternen ins Auge. Für letzteres gibt es am realen Nachthimmel nur eine einzige Entsprechung, nämlich das Siebengestirn, auch Plejaden genannt, ein offener Sternhaufen im Sternbild Stier. Was kann das bedeuten?

Die aktuelle Deutung zielt darauf ab, daß der Begegnung der beiden Himmelsobjekte eine besondere Bedeutung innewohnt: wenn Sichelmond und Plejaden einander am Abendhimmel näher kommen, sei es zu jener Zeit üblich gewesen, der Abfolge der 12 Mondmonate einen weiteren, dreizehnten Monat hinzuzufügen, um das 254 Tage lange Mondjahr und das 11 Tage längere Sonnenjahr, maßgeblich für Aussaat und Ernte, wieder in Einklang zu bringen. Diese wirklich erstaunlichen Kenntnisse der bronzezeitlichen Sternkundigen sollten uns noch heute vor Ehrfurcht erstarren lassen, so der Tenor.

An dieser Stelle muß natürlich die Frage erlaubt sein, ob die Begegnung des bereits von der Abenddämmerung bedrängten Siebengestirns mit dem zunehmend länger sichtbaren Sichelmond wirklich ein so eindeutiges Himmelsereignis darstellt, daß eine nochmalige Begegnung im darauffolgenden Zyklus, also 29½ Tage später, sicher ausgeschlossen werden kann. Am Morgenhimmel, wo Mond und Plejaden einige Wochen später ebenfalls begegnen, wäre die Sache eindeutig: daß eine Begegnung die erste ist, steht schon im Augenblick der Begegnung unzweifelhaft fest. Nur müßte man die Scheibe dann so herum halten, daß der Mond ein abnehmender ist. Und die Barke ein Regenbogen.

Der Autor vermutet, mit den himmlischen Begegnungen sei es ähnlich gewesen wie mit unserem Osterfest: man feierte das Ereignis, aber für wichtige Termine vertraute man lieber auf die präzisere Beobachtung der Stellen am Horizont, wo die Sonne auf- oder unterging. Die zugehörigen Horizontbögen wurden offenbar erst bei der Überarbeitung auf die Scheibe montiert. Ein bronzezeitlicher Lernprozeß?

Durchs Panoramafenster fällt der Blick auf den Mittelberg, wo die Scheibe 1999 von Raubgräbern gefunden und dabei leider ziemlich in Mitleidenschaft gezogen wurde. Ihre Gier nach einem möglichst spektakulären Verkaufserlös wurde den Räubern schließlich zum Verhängnis. Auch diese Geschichte wird in Nebra geschildert, ebenso wie das zeitlich Umfeld und die astronomischen Kenntnisse anderer Hochkulturen jener Zeit.

Eigentlich sollte man auch noch hinaufwandern zum Aussichtsturm mit den Peilmarken, aber ein leider viel zu eng gesteckter Zeitplan drängt zur Weiterreise nach Halle, wo die originale Scheibe einen würdigen Platz gefunden hat.

Das Original

Das dortige Vorgeschichtsmuseum hat die Scheibe wohlweislich im letzten Raum des Rundgangs plaziert. Es wäre ja auch zu schade, die vielen anderen bedeutenden Funde, die hier eindrucksvoll versammelt sind, links liegen zu lassen.

Schon im ersten Saal sorgt der „Denker”, die lebensechte Vollplastik eines sinnierenden Neandertalers, für ein unvergleichliches Entrée in die Vorgeschichte, die hier in angenehmer räumlicher Leichtigkeit inszeniert ist, ohne daß man von der Fülle der Funde gleich erschlagen wäre. Besonders gut ist das bei Objekten gelungen, von denen quasi eines wie das andere aussieht. Eine ganze Wand mit Hunderten von Faustkeilen etwa, oder ein Hortfund aus Dutzenden von Bronzesicheln, die aus ihrem Tongefäß scheinbar in die Höhe wirbeln.

Beinahe übersehen hätte der Autor den Elefantensaal. Sind Elefanten wirklich so groß? Afrikanische nicht, und indische erst recht nicht. Aber dieser Koloß hier ist ein Waldelefant, er lebte während der letzten Zwischeneiszeit in Mitteleuropa, also vor etwa 120.000 Jahren. Gefunden hat man ihn in der Tagebaugrube von Gröbern.

Der Himmelsscheibe und ihren Beifunden ist, wie nicht anders zu erwarten, ein eigener Raum gewidmet. Und was für einer! Sterne auf der Scheibe, Sterne am Himmel, der Rest des Raumes in geheimnisvolles Halbdunkel getaucht. Und wenn man genau hinsieht, bewegen sich die Sterne, wie in einem Planetarium. Genau genommen ist die Scheibe ja auch die frühe Form eines Planetariums. Vielleicht gibt es gar kein oben und unten, vielleicht hat man sie so vor sich hingehalten, daß die Mondsichel auf der Scheibe genauso aussah wie die Mondsichel am Himmel, nachdem die Sonne unter den Horizont versunken war? Oder kurz bevor sie wieder aufging? Oder sowohl als auch? Und vielleicht ist die Sonne keine Sonne, sondern der Vollmond, bei seiner Begegnung mit den Plejaden einen anderen wichtigen Tag des Himmelsjahres markierend? Wir werden es nie erfahren, und genau diese ungelösten Fragen machen ja auch den Reiz des Objektes aus.

Halle ist übrigens eine sehr schöne Stadt, insbesondere wenn das Hotelzimmer unweit des Roten Turms liegt und man zur Blauen Stunde dem Spiel des weltberühmten Carillons lauschen kann: erklingt da nicht gerade die bekannte Melodie „Plaisir d’amour”? Und jetzt läuten die 76 Glocken gar „Love me tender”. Auch hier könnte man ein paar Tage ausharren und einige der zahlreichen Museen besuchen.

Aber das Ziel der Reise ist ein anderes, und es bleibt gerade noch ein halber Tag für einen Ort, der eigentlich so gar nicht zu den beiden anderen paßt – und irgendwie dann aber doch. Die Rede ist von Ferropolis.

Die Herren der Kohlegruben

Die Exponate dieses ungewöhnlichen Museums heißen Gemini, Mosquito, Mad Max, Big Wheel und Medusa, und sie passen definitiv nicht in eine Vitrine. Die Wasserfläche ringsum ist nämlich ein renaturierter Braunkohle-Tagebau, erschaffen von Baggern, deren größter rund 2.000 Tonnen schwer ist und auf Schienen rollt, während das Leichtgewicht von gerade einmal 800 Tonnen in seiner aktiven Zeit mehrfach umgesetzt wurde und dabei auf seinen Raupenketten querfeldein rund 220 Kilometer zurücklegte.

Die Wunden, die diese Giganten in die Landschaft gerissen haben, sind seit der Stilllegung 1991 einigermaßen vernarbt und die hinterlassenen Restlöcher geflutet. Übrig blieben Betriebsgebäude, Fotos und eben die fünf eisernen Ungetüme, die nun allesamt über Leitern und Treppen bestiegen werden dürfen. Wie sich das wohl angefühlt haben muß, als die Maschinen nicht wie jetzt stillstanden und leise vor sich hin rosteten, sondern sich im Schneckentempo fortbewegten, dabei tonnenweise Abraum und Kohle aus dem Boden reißend und via Förderband schier endlos lange Güterzüge füllend? Gottseidank ist diese Epoche vorüber.

Drüben im Betriebsgebäude über der Kraftstation findet sich mit dem Waldelefanten ein alter Bekannter wieder, denn hier in der Nähe wurde er gefunden, überdeckt von vielen Metern pleistozäner Ablagerungen. Die ausgestellten Knochen sind freilich eine Nachbildung.

Wegen Corona und der Empfehlung, in Deutschland zu bleiben, hat die Verwaltung das Gelände rund um die Bagger zur Nutzung durch Wohnmobile freigegeben: Camping im Museum.

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