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18.7.2023
Konzert mit Raumfähre zu „Konzert mit Raumfähre”,

Besuchsbericht

Konzert mit Raumfähre

Die Deutsche Staatsphilharmonie RLP vor dem Space Shuttle „Buran”

Rainer Göttlinger
Speyer, 14. Juli 2023

Die Musiker der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz haben soeben in der Halle mit der gewaltigen russischen Raumfähre „Buran” Platz genommen. Die Spannung steigt. Zuhörer wie Kameraleute harren der Dinge, die an diesem besonderen Abend in diesem einzigartigen Ambiente zu Gehör gebracht werden sollen.

Obwohl mehrere hundert Menschen anwesend sind, herrscht minutenlang eine Stille fast wie draußen im All, zu dessen Erforschung die Buran erdacht und gebaut worden war. Dann endlich betritt Dirigent Michael Francis die Szene, und sofort brandet Beifall auf, gefolgt von neuerlicher Spannung, denn gleich werden hier die ersten Klänge der sinfonischen Dichtung „Also Sprach Zarathustra” erklingen – jener Musik, die durch Stanley Kubricks Kultfilm „2001 Odyssee im Weltraum” populär wurde. Auch in diesem SF-Klassiker geht es ja um die Erforschung des Weltraums mithilfe von Raumfähren und Raumstationen.

Also sprach Zarathustra

Und so fügt sich alles, was just in diesem Moment mit einem Tremolo der tiefen Streicher beginnt und sich im bekannten C-G-c-Crescendo fortsetzt, zu einem Gesamterlebnis, das wohl nur an diesem speziellen Ort und mit diesem ikonisch-klassischen Werk möglich ist. Und während sich nun die Motive der etwa halbstündigen sinfonischen Dichtung entwickeln und mal Harfen und Oboen und dann wieder Blech und Pauken die Ohren der Zuhörer betören, schweifen die Blicke hinauf zum schwarz gekachelten Hitzeschild der Buran und weiter bis ganz nach oben, wo unter der Hallendecke ein Modell der internationalen Raumstation ISS hängt.

Die Raumfahrthalle ist ein Teil des Technikmuseums Sinsheim-Speyer und veranschaulicht die Geschichte der bemannten Raumfahrt von ihren Anfängen bis zu den aktuellen Missionen der raumfahrenden Nationen. Breiten Raum nehmen hier vor allem die Missionen der NASA ein, beginnend mit den ersten bemannten Raumflügen und dem vorläufigen Höhepunkt der ersten Mondlandung, als zum ersten Mal Menschen einen fremden Himmelskörper betraten. Die Mondfähre ist in originaler Größe aufgebaut und deutlich massiger als man sie von den Fernsehbildern her zu kennen glaubt. Zu ihrer Rechten steht das Mondauto der Apollo-Missionen 15, 16 und 17, und in einer kleinen Vitrine darf ein Stück Mondgestein bestaunt werden. Zu den weiteren Exponate der Halle zählen ein originalgroßes Modell des Kolumbus-Moduls der ESA als Beitrag zur Internationalen Raumstation sowie Modelle diverser Raketen und Raumflugkörper in den verschiedensten Maßstäben.

Zugegeben, das ISS-Modell sieht deutlich anders aus als die Raumstation aus dem Film, und es gibt da oben auch bis heute kein Hilton-Hotel. Aber der Prototyp der russischen Buran-Raumfähre hat mit 25 Atmosphärenflügen tatsächlich am Rand des Weltraums gekratzt und stellt so eine authentische Verbindung her nicht nur zur Strauss’schen Musikschöpfung nach Friedrich Nietzsche, sondern eben auch zur Geschichte der menschlichen Evolution als der Haupthandlung des Films von 1968. Und ist nicht auch die Reihe der um die Bühne herum platzierten Filmleuchten ein visuelles Zitat? Im Film beleuchten sie eine von Forschern auf dem Mond ausgehobene Grube, wo in 12 Metern Tiefe ein Exemplar jenes geheimnisvollen Monolithen gefunden wurde, dessen Abmessungen ihn als Produkt intelligenter Wesen ausweisen.

Die Planeten

Nach der Konzertpause steht mit „Die Planeten” von Gustav Holst ein weiteres Orchesterwerk mit astronomischem Bezug auf dem Programm. Der Komponist, der sein wohl bekanntestes Werk erst etw 20 Jahre nach Strauss’ „Zarathustra” komponierte, orientiert sich allerdings nicht an der Astronomie des Sonnensystems, sondern an der mythologischen Bedeutung der Planeten-Götter: der kriegerischen Gewalt des Mars, der Fröhlichkeit des Jupiter oder der Mystik des Neptun. Hierfür fährt der Komponist alle Klangfarben auf, die ein Orchester zu bieten hat, ergänzt durch einen wortlosen Frauenchor und allerlei Schlagwerk. Die Tonsprache ist spätromantisch, aber weist mit ihren emotionalisierenden Ausbrüchen schon deutlich in Richtung Hollywood und erinnert damit ein wenig an Hans Zimmers Musik zu „Interstellar”.

Der Frauenchor im sechsten und letzten Satz schließlich verläßt mit seinen sperrigen Harmonien und sphärischen Klängen nicht nur die romantische Tonalität, sondern auch die äußerste Grenze unseres Planetensystems und leitet über zu jenen „unendlichen Weiten”, die ja bereits der Titel dieses wirklich außergewöhnlichen Konzerts in Aussicht stellte.

Wilhelmsbau

Normales Museumspublikum war zu dieser späten Stunde übrigens nicht mehr zugegen. Wer die Raumfahrthalle und die anderen, nicht minder interessanten Teile des Museums besuchen will, kann das aber während der regulären Öffnungszeiten tun. Die Musik, die zu diesen Zeiten die Hallen füllt, ist dann freilich eine ganz andere, denn sie kommt aus den mechanischen Musikautomaten, die Teil der Dauerausstellung sind. Insbesondere sei hier der historische Wilhelmsbau mit seinen zahlreichen Orchestrien genannt, die sich durch Einwurf einer Euromünze in Betrieb setzen lassen und dann raumfüllend zum besten geben, was auf ihren Walzen und Lochstreifen kodiert ist. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.

POI

Museum, Speyer

Museum Wil­helms­bau

Voll­auto­ma­ti­sche Groß­orche­strien, Flöten­uhren und Spiel­dosen, histo­ri­sche Waffen und Uni­for­men, Klei­dungs­stücke und Puppen, „Rock’n’Roll” Zimmer.

Museum, Sinsheim

Auto- und Technik-Museum

Expo­nate und Rari­täten aus dem Gesamt­gebiet der Technik­geschichte. Tupolev TU 144 und Con­corde (jeweils begehbar), Ameri­can Dream Cars Collec­tion, wei­tere Old­timer, Formel-1, Motor­räder, weitere Flug­zeuge.

Museum, Luzern

Verkehrs­haus der Schweiz

Meist­be­such­tes Muse­um der Schweiz. Über ein­hun­dert Ori­gi­nal-Flug­zeuge, Loko­mo­tiven, Straßen­fahr­zeuge, Seil­bahnen und Schiffs­modelle. Aus­stel­lungen über Kom­muni­kation und die Raum­fahrt. Film­heater, Plane­tarium. Hans Erni Museum.

Museum, Speyer

Technik Museum

Expo­nate und Rari­täten aus dem Ge­samt­ge­biet der Tech­nik­ge­schich­te. Begehbare Boeing 747, Flugzeuge und Hubschrauber, die Raumfähre Buran, Oldtimer aller Epochen, Motorräder, Feuerwehr, Loks, eine Welte Orgel sowie im Wilhelmsbau Musikinstrumente, Puppen und Uniformen.

Bis 2.6.2024, Ansbach

Herr­scher und Himmels­deuter

Die Er­kennt­nis, dass um den Jupiter vier Monde kreisen, war revo­lu­tio­när. Hof­astro­nom Simon Marius ent­deckte sie am 8.1.1610, einen Tag nach Galilei. Von ihm stammen jedoch die Namen der Monde: lo, Europa, Ganymed und Kallisto.

Bis 1.9.2024, Speyer

König Ludwig I.

Ludwig I. von Bayern hinterließ Kultur­denk­mäler, war maß­geblich für den Ausbau der Industrien verant­wortlich und schuf die erste Ost-West-Verbindung auf Schienen durch die Pfalz.

Museum, Speyer

Histo­risches Museum der Pfalz

Um­fas­send­ste Dar­stel­lung der Ge­schich­te der Pfalz in einem 1910 ein­ge­weih­ten, vier­flüge­ligen Ge­bäude in un­mittel­barer Nähe des Doms. Dom­schatz­kammer. Vor­ge­schichte, Römer­zeit, Mittel­alter, Neu­zeit. Wein. Über 900.000 Expo­nate. Dom­schatz.

Verantw. gem. §55 Abs 2 RStV:
Rainer Göttlinger
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