Version
23.7.2026
Register der Wurlitzer zu „Die Mighty Wurlitzer des MIM”,
Spieltisch-Umgebung zu „Die Mighty Wurlitzer des MIM”,
Musikinstrumenten-Museum, Berlin
Mighty Wurlitzer zu „Die Mighty Wurlitzer des MIM”,
Musikinstrumenten-Museum, Berlin
Manuale der Mighty Wurlitzer zu „Die Mighty Wurlitzer des MIM”,
Musikinstrumenten-Museum, Berlin
Schautafel und Spieltisch zu „Die Mighty Wurlitzer des MIM”,
Musikinstrumenten-Museum, Berlin

Exponat

Die Mighty Wurlitzer des MIM

Musikinstrumenten-Museum
DE-10785 Berlin

Die Mighty Wurlitzer bildet den krönenden Abschluss einer langjährigen Entwicklung der Firma Wurlitzer im Bereich der Kino- und Theaterorgel. Die „mächtige” Klangfülle, die diesem riesigen Apparat zu entlocken ist, hat ihm den Namen gegeben.

Im Museum fällt der Blick zunächst auf den für Wurlitzer typischen hufeisenförmigen Spieltisch in weißem Schleiflack mit Gold abgesetzt, von dem aus die Orgel „in Funktion” gesetzt wird. Im ersten Obergeschoss, unmittelbar darüber, befindet sich in drei großen, einsehbaren Kammern das gesamte Instrumentarium der Wurlitzer: Haupt-, Orchester- und Solokammer. Im Untergeschoss, für den Besucher nicht zugänglich, liegen die Relaisstationen, eine elektrische Gebläsemaschine sowie die Bälge zur Winderzeugung. Der Luftstrom wird von dort über einen Kanal zu den Orgelpfeifen in den Kammern geleitet.

Die Mighty Wurlitzer ist, wie eine Kirchenorgel, zunächst eine einfache Pfeifenorgel. Mit Hilfe der Pfeifenreihen, der sogenannten ranks, lassen sich aber auch bestimmte Orchesterinstrumente imitieren. Hinzu kommen ein aufwendiges Schlagwerk mit Xylophon, Glockenspiel oder Marimba Harp, mit großer Trommel, Snare Drum, Hi Hat oder Tom-Tom und schließlich eine ganze Reihe spezieller Klangeffekte wie Vogelgezwitscher, Windgeheul, Eisenbahngeräusch oder Schiffssirene.

Die ungeheure Vielfalt von Instrumentalstimmen und Effekten diente der akustischen Untermalung des Handlungsablaufs im Stummfilm, der primären Funktion einer Kinoorgel. Selbstverständlich konnten sich nur die Besitzer großer Kinos ein so aufwendiges und teures Instrument leisten, das zudem eines versierten Spielers bedurfte.

Sollte sich die hohe Investition in solch eine Kinoorgel jedoch wirklich auszahlen, so musste sie über das Begleiten des Stummfilms hinaus noch andere Aufgaben erfüllen. Dazu gehörte in erster Linie die Veranstaltung von eigenständigen Konzerten. Die Konzeption des Instruments als „Ein-Mann-Orchester” gestattete es mühelos, ein großes Publikum auf die vielfältigste Weise mit nur einem Künstler zu unterhalten. Für die Zuschauer war der Spieler stets sichtbar: als Entertainer trat er im Frack oder Smoking auf.

Die Tradition solcher Konzerte ließ die Kinoorgel auch nach Einführung des Tonfilms nicht verstummen. Während sie in Deutschland mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs dennoch zum Erliegen kam, begegnet sie in England und zumal in Amerika selbst heute noch.

Die ersten Kinoorgeln in Deutschland bauten vor allem die Firmen M. Welte & Sohn in Freiburg, E. F. Walcker & Co. in Ludwigsburg sowie Steinmeyer in Öttingen. Ihre Kinoorgeln besaßen allgemein zwei Manuale und nur wenige Grundstimmen (ranks). Allein in Berlin standen 25 solcher Orgeln. Der stärkste Impuls ging jedoch von der Rudolph Wurlitzer Company in den USA aus, die ihre ersten Kinoorgeln 1924 zunächst in England, dann auch auf dem europäischen Kontinent mit großem Erfolg einführte. Die Menschen strömten zu den Wurlitzer-Konzerten in die Kinos und Theater: eine Massenbewegung, wie wir sie aktuell nur bei Rockkonzerten beobachten können.

Die Gründung der Firma geht auf Rudolph Wurlitzer (1831-1914) zurück, der 1853 seinen Heimatort Schöneck im sächsischen Vogtland verließ, um in Amerika sein Glück zu suchen. Wurlitzer stammte aus einer Instrumentenbauerfamilie, von denen es zu seiner Zeit einige Hundert im Umfeld von Markneukirchen gegeben hat. In der Neuen Welt vertrieb Rudolph Wurlitzer zunächst Musikinstrumente aus seiner Heimat. Schon bald aber erkannte er mit sicherem Gespür, dass er mit der Herstellung von Militärmusikinstrumenten gute Geschäfte erzielen könnte: 1861 gründete er für deren Fertigung eine Fabrik in Cincinatti, 1865 ein weiteres Geschäft in Chicago. 1908 fusionierte Wurlitzer mit der Firma DeKleist in North Tonawanda im Staate New York und expandierte zu einem der größten Unternehmen seiner Art. Hier wurde schließlich auch die Kinoorgel entwickelt.

Worin lag das Geheimnis des weltweiten Erfolgs der Wurlitzer Kinoorgel? Den Erfolg begründeten hochqualifiziert ausgeführte Orgeln, die den klanglichen und technischen Ansprüchen der Zeit in besonderem Maße entsprachen. Ein solches Ergebnis ist freilich nicht allein das Verdienst der Firma Wurlitzer, sondern gebührt zu einem großen Teil dem genialen englischen Orgelbauer Robert Hope-Jones (1859-1914), dem trotz seines Ideenreichtums zunächst kein finanzieller Erfolg beschieden war – weder in seiner Heimat noch später in Amerika. Von Hope-Jones erwarb Farny Reginald Wurlitzer (2883-1972), der jüngste Sohn des Firmengründers, im Jahre 1910, dem Geburtsjahr der Wurlitzer Theater- und Kinoorgel, nicht nur viele Patente, sondern stellte ihn zugleich als führenden Mitarbeiter in der prosperierenden Firma ein.

Hope Jones entwickelte die elektrisch-pneumatische Traktur entscheidend weiter (elektrisch ist die Verbindung von der Taste zur Pfeife über die Relaisstation, pneumatisch sind die Funktionen im Spieltisch). Er führte das sogenannte Multiplex-System, aber auch verschiedene Register wie Tibia clausa oder Tuba Horn bei der Wurlitzer ein. Ihm zu verdanken ist auch der bewegliche Spieltisch, der sich sowohl im „Showgeschäft” als auch bei Kinovorführungen bewährte, wenn die Konsole beispielsweise nach einem Vor- oder Zwischenspiel versenkt werden konnte.

Hope Jones Erfindungen sowie mehrjähriges, sehr kostenintensives Experimentieren führten zu Beginn der 20er-Jahre über mehrere Zwischenstufen zur Mighty Wurlitzer, von der das Berliner Musikinstrumenten-Museum heute die größte auf dem europäischen Festland besitzt. In den Geschäftsanzeigen von Wurlitzer wird diese Orgel als das ideale Musikinstrument für das Theater beschrieben – mit den feinsten Orgelpfeifen der Welt und sämtlichen Stimmen des Symphonieorchesters in „Regie” nur eines einzigen Musikers.

Die Mighty Wurlitzer des Museums ist eine Sonderanfertigung für Werner Ferdinand von Siemens (1885-1937), Enkel des Firmengründers Werner von Siemens, der sie jedoch sofort zugunsten eines wesentlich größeren Instruments an den Ufa Palast am Zoo weiterverkaufte. Sie verfügt über 4 Manuale, 1.228 Pfeifen sowie 19 Effekte inklusive des Schlagwerks. Für die flexible Registrierung der mehr als 200 Register finden sich rund um den Spieltisch 175 Registertasten oder -wippen, die zu Gruppen in Weiß, Rot, Schwarz oder Gelb für die einzelnen Manuale und das Pedal angeordnet sind.

Eine Besonderheit der Mighty Wurlitzer ist das Spiel mit dem „second touch”, ausgelöst durch ein stärkeres Herunterdrücken der Tasten. Dadurch werden andere Pfeifen und auch Effekte angesprochen. Der Interpret hat also die Möglichkeit, mit einer Hand auf derselben Tastenreihe gleichzeitig Melodie und Kirchenglocken, Vogelgezwitscher oder Schlittenschellen zu spielen.

Die Kunst, ein so vielseitiges Instrument zu spielen, zählt zu den Fertigkeiten ganz eigener Art: an jedem Samstag und zu vielen besonderen Gelegenheiten wird die Wurlitzer im Museum vorgeführt.

Quelle: Musikinstrumenten-Museum SIM PK Führungsblatt Nr. 20 (leicht gekürzt)

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