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Mit dem Senior im Freilandmuseum

Ein Besuch in Bad Windsheim

Beim Betreten der alten Bauernhäuser werden Kindheitserinnerungen wach.

Der Vater des Autors ist mit seinen knapp 90 Lenzen gerade noch rüstig genug für den gut zweistündigen Rundgang durch das weitläufige Museumsgelände, andererseits aber auch alt genug, um den von weither zusammengetragenen und hier wieder aufgebauten Häusern eine ganz besondere Perspektive abzugewinnen: ja, so habe das damals auch bei ihm im Dorf ausgesehen, bevor die alten Bauernhäuser abgerissen und durch moderne Neubauten ersetzt wurden.

Er muß es wissen, denn damals wurden Rechnungen nicht etwa mit der Post zugestellt und das Geld überwiesen, sondern man ging persönlich zu den Kunden kassieren und zog dabei den Kopf etwas ein, denn die Türbalken waren niedrig, genau wie bei den meisten Häusern im Fränkischen Freilandmuseum von Bad Windsheim. In den Stuben roch es nach Kuhstall oder nach Holzrauch, und der Kachelofen strahlte behagliche Wärme aus.

Kindheitserinnerungen

Zwischen der Schäferei und dem üppig grünen Bauerngarten steht auf einer Wiese ein Schäferkarren. So einen hatte unser Schäfer auch, läßt sich der alte Mann vernehmen, als Kind durfte ich manchmal sogar darin schlafen. Aha, daher also seine später so ausgeprägte Neigung fürs Camping.

Wie es sich für ein fränkisches Dorf gehört, gibt es ein Stück weiter natürlich auch ein Dorfwirtshaus, praktischerweise mit eigener Brauerei. Und gleich daneben ein Schulhaus. Alle Kinder von der ersten bis zur achten Klasse wurden damals in ein- und demselben Raum von ein- und derselben Lehrkraft unterrichtet. Der Lehrer wohnte unten und besaß ein Harmonium. Und einen Gemüsegarten hinter dem Haus.

Gibt oder gab es denn noch andere typische Berufe hier im Dorf? Natürlich: gleich gegenüber hatte der Wagner seine Werkstatt. Die Werkbank sieht genauso aus wie jene, die sein Schwiegervater selig, von Beruf ebenfalls Wagner, dem alten Herrn dereinst vermacht hatte. Ein Haus weiter stellte der Büttner seine Fässer her, Abnehmer wird wohl die besagte Brauerei gewesen sein.

Einfache Leute hatten ein einfaches Haus, das sie sich oft auch noch mit den Haustieren teilten. Waren die Tiere größer und produzierten Dung, wurde der samt Einstreu auf den Hof hinausgeräumt, als „Mistn” erfreute er Hahn und Hühnerschar. Das Örtchen, im Fränkischen Abort genannt, war direkt über den Misthaufen gebaut, so daß niemand lange Wege hatte, die Bauersfamilie nicht und der Dünger auch nicht.

Hinter dem Dorf führt der Weg wieder hinaus auf die Felder: reifes Korn zur Linken, Gemüse- und Salatbeete zur Rechten. Das Archäologiemuseum in der Schafscheune gehört zur Archäologischen Staatssammlung München und zeigt Modelle vor- und frühgeschichtlicher Siedlungen. Tief unten ist das Wagengrab aus Zeuzleben originalgetreu nachgebaut.

Neben den Mittelalterhäusern wird gerade ein mittelalterliches Badhaus wieder errichtet. Mauersteine, Balken, ja sogar ganze Wände waren, fein säuberlich numeriert, jahrelang eingelagert, denn bei der Rettung eines Hauses vor der Abrißbirne muß oft schnell gehandelt werden, auch wenn der Wiederaufbau sich dann monetär bedingt etwas hinzieht.

Eine Denksportaufgabe

Drüben am Bach, einen guten halben Kilometer weiter, bewegt sich etwas, es sieht wie ein Wasserrad aus. Ein Mühlrad ist es nicht, denn es sind hölzerne Eimer daran befestigt, die ihren Inhalt in eine ebenfalls hölzerne Rinne entleeren. Normalerweise. Denn obschon sich das Rad durch die Kraft des Wassers fleißig dreht, bleiben Schöpfeimer, Rinne und Wiese brottrocken. Aber warum schöpfen die Kümpfe nicht?

Das Geheimnis zu ergründen setzt ein wenig räumliches Vorstellungsvermögen voraus sowie die Kenntnis des Sprichworts vom Berg und Propheten. Denn das Rad sieht nicht so aus, als könne man es ein Stück weit absenken. Aber da ist ein hölzernes Wehr, mit dem sich mittels eines langen Hebels der Ablaufgraben etwas anstauen ließe. Der Wasserspiegel stiege dann so weit an, daß die Kümpfe eintauchten und sich füllten. Ja, auch unsere Altvorderen waren schon schlau, resümiert einer, der es wissen muß.

Ein typisches Element fränkischer Bauernhäuser ist der ins Haupthaus integrierte Kuhstall, man nutzte die Wärme der Tiere und nahm dafür ihren Geruch in Kauf. Die typischen Ställe mit den Futtertrögen auf der einen und der Ablaufrinne auf der anderen Seite dürfen selbstverständlich betreten werden, mit einer Ausnahme: im Haus aus Seubersdorf steht doch tatsächlich eine lebendige Kuh im Stall! Und auch der Blick hinter die hölzerne Tür zum Schweinestall gegenüber zeigt ein rosiges Hinterteil. Im Hof bewacht ein stolzer Hahn die Schar der ihm Untergebenen, oben auf dem Dach gurrt ein Taubenschwarm, und was da unter dem Dachvorsprung zwitschernd ein- und ausfliegt sind Schwalben.

Gänse

Auf der kleinen Brücke über den Dorfbach hat sich eine Herde fränkischer Landgänse niedergelassen, die dem auf die Mühle zustrebenden Besucher vernehmlich protestierend ausweichen. Die Mühle selbst ist coronabedingt geschlossen, aber der Blick von außen auf das mächtige, sich drehende Mühlrad ist erlaubt.

Waren das nun alle Haustiere? Mitnichten. Vor allem eines fehlt noch, es ist ganz klein, hat sechs Beine und vier Flügel und wohnt in einem Stock. Nein, damit ist nicht der Spazierstock des alten Herrn gemeint, sondern die Behausung der Honigbiene, des einzigen Insekts unter den Haustieren. Der Imker packt aber gerade seine Siebensachen zusammen: es ist spät geworden.

Ein letztes Mal noch wandern der Autor und sein Vater an der kleinen Dorfkapelle und dem Brauhaus vorbei in Richtung Ausgang, dann geht dieser wunderschöne Tag auch schon zu Ende, die Kräuterapotheke und die Spitalkirche bleiben für heute unbesehen. Aber nur für heute.

Verantwortlich gem. §55 Abs 2 RStV: Rainer Göttlinger. Pressemitteilungen willkommen. #1048494 © Webmuseen