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Museen in den Wolken

Jedes der 6 Messner Mountain Museen ist auf seine Weise einzigartig

  • Eingangstor zu „Museen in den Wolken”,
  • Schiff im Eis zu „Museen in den Wolken”,
    Henry Robins, Zwischen Eisbergen, 1905
  • Hauptgang, von erhöht zu „Museen in den Wolken”,
  • Kristallgrotte zu „Museen in den Wolken”,
    Kristallgrotte: Traudi Erckert, Fanes und Croderes, 1997/98
  • Betrachter mit blauer Jacke zu „Museen in den Wolken”,
  • Nomadenzelt zu „Museen in den Wolken”,
    Festzelt aus Tibet
  • Drei Zinnen zu „Museen in den Wolken”,
    E.H. Compton, Drei Zinnen, 1920

Gäbe es keine Regentage, müßte man sie als Museumsbetreiber erfinden. Oder man macht es wie Reinhold Messner und entwirft ein Museum wie das MMM, das kein schlechtes Wetter braucht, um attraktiv zu sein, sondern seine Besucher bei jedem Wetter in seinen Bann zu ziehen vermag, und das stundenlang und beileibe nicht nur, weil es innen bedeutend größer ist als es von außen zunächst den Anschein hat. Es ist auch spannender als so mancher vielleicht denken mag.

Ripa

Leitmotiv der umfangreichen Sammlung im Schloß Bruneck sind die Bergvölker rund um den Globus. In die Abfolge von Jurten reiht sich ganz selbstverständlich auch ein Expeditionszelt mit ein. Und die vertrauten Hausformen mit viel Holz und schönem Schnitzwerk sind auch nicht auf die europäischen Gebirge beschränkt, stehen doch alle Bergbewohner vor denselben Herausforderungen. Daß sie auch besonders spirituell veranlagt sind, kennt man ebenfalls aus den Alpen, so daß gewisse Ähnlichkeiten im Respekt gegenüber der harten Natur und den Mitgeschöpfen nicht wirklich überraschen. Im Nu verfliegen hier mehr als zwei Stunden, während draußen der Regen auf das schöne Städtchen Bruneck niederprasselt.

Corones

Lohnt es sich, bei diesem Wetter mit der Gondelbahn hinaufzufahren auf den Kronplatz, wo heute wegen des Wetters zwar keine Aussicht auf Aussicht, sehr wohl aber auf ein weiteres und noch dazu spektakuläres Messner Mountain Museum besteht? Na, und ob! Vorausgesetzt, die Wolkensuppe läßt noch so viel Orientierung zu, daß man den Steinhügel am Rande der Hochfläche, in dessen Innerem sich das Museum befindet, gerade noch ausmachen kann.

Man weiß gar nicht, wovon man mehr beeindruckt sein soll: von der eindrucksvollen Architektur, der Lichtführung, den Exponaten und deren Einbindung in den Kontext „Alpinismus”, oder vom Ausblick aus den drei raumhohen Sichtfenstern hinaus in die heute leider abwesende Bergkulisse. Dafür bietet aber das faszinierende Spiel der Wolken rund um den Kronplatz einigermaßen unterhaltsamen Ersatz. Und sollten Nebel und Regen einem auch dieses Vergnügen verleiden, zeigt tief im Inneren des rampenartig mit Verbindungstreppen angelegten Bauwerks ein Kino die Geschichte des modernen Alpinismus und seiner Pioniere, dreisprachig kommentiert von Reinhold Messner, der natürlich ein unverzichtbarer Teil dieser Geschichte ist.

Dolomites

War die Auffahrt zum Museum Corones schon spannend, gebührt dem Dolomites, dem Museum in den Wolken auf dem Monte Rite, erst recht ein Spitzenplatz unter den Museen mit der aufregendsten Anreise. Doch beginnen wir von vorne.

Wer noch nie von dem Dörfchen Cibiana gehört hat, ist mit diesem Nichtwissen nicht allein. Man erreicht es, indem man vom mondänen Wintersportort Cortina d’Ampezzo zuerst nach Süden fährt und dann kurz vor Venas auf die schmale Straße nach Zoldo einbiegt. Sie schlängelt sich hinter dem kleinen lombardischen Ort hinauf zum Passo Cibana, aber man ist hier auf 1.500 Meter Höhe noch lange nicht am Ziel. Eigentlich sollte man jetzt den Rucksack schultern und Schusters Rappen schnüren, um in knapp zwei Stunden weitere 650 Höhenmeter zu überwinden, aber bei Regen ist auch der Shuttle erlaubt. Das steile, ausgesetzte Schottersträßchen ist gerade breit genug für den Kleinbus. Und damit niemand auf das Erlebnis des selbst errungenen Gipfelsieges verzichten muß, endet die Fahrt deutlich unterhalb jener Bergfestung, die von den Alpini einst zur Verteidigung auf den Monte Rite gesetzt wurde und knapp hundert Jahre später dann von Reinhold Messner zum Museum umfunktioniert wurde.

Auch hier ist wieder die Aussicht auf die gewaltige Bergwelt das faszinierendste Ausstellungsstück. Sogar an einem Tag wie heute, an dem man die wuchtigen Massive des Monte Pelmo, der Tofana und des Antelao mehr erahnen als sehen kann. Gut, daß den einstigen Geschützständen beim Umbau jene Lichtdächer aufgesetzt wurden, die nicht nur ein auffälliges visuelles Merkmal des Museums darstellen, sondern ganz nebenbei auch vor Wind und Regen schützen.

Der innere Aufbau der alten Festung ist schnell beschrieben: ein schier endloser Hauptgang mit einem Dutzend fensterloser Kammern, in denen heute das Museum untergebracht ist. Leitmotiv sind hier die Eroberer jener Gipfel und Wände, deren Namen dem Wanderer von Berghütten, Felstürmen und Kletterführen vertraut sind, da sie nach ihnen benannt wurden. Die originale Ausrüstung der Pioniere und allerlei persönliche Gegenstände bereichern zusammen mit Gemälden typischer Dolomitenberge die Ausstellung. Und über alledem schwebt ein leichter Geruch von Holzfeuer, wie er wohl schon den Soldaten vertraut war, während aus dem Museumskino leise die Musik aus dem Film „Love Story” ertönt. Sie gehört zum Amateur-Schmalfilm „Ritorno ai Monti” von 1971, der Reinhold Messner als jungen Burschen beim Erklettern der Sellatürme zeigt. Kameraführung und Schnitt verdienen, das sei hier ausdrücklich erwähnt, das Prädikat Kunst. Filmkunst auf 8 Millimeter, gezeigt in einem Weltkriegsbunker auf einer Meereshöhe von 2183 Meter. Fasziniert tritt man irgendwann wieder hinaus in die rauhe Wirklichkeit der Bergwelt.

Firmian

Die Auseinandersetzung des Menschen mit dem Berg findet im Messner Mountain Museum Firmian ihre Entsprechung in der Auseinandersetzung des Besuchers mit den zahllosen Treppen, die diverse Wehrtürme miteinander verbinden, in der Ausgesetztheit der Stege im Inneren der Türme, mit Tiefblick über alle Etagen hinweg, und in dem oft notwendigen vertikalen Orientierungsvermögen, um auf der richtigen Ebene wieder aus dem Turm oder der Wendeltreppe auszusteigen. Denn die Jahrhunderte haben vom einst mächtigen Schloß Sigmundskron nur noch die Außenmauern übrig gelassen, sämtliche Böden und Treppen bestehen heute aus Metall und Glas und sind ein essentieller Teil des Abenteuers.

Seile, Haken, Karabiner, Schuhe, Zelte und allerlei persönliche Gegenstände der Bergsteigerlegenden wechseln sich ab mit Gemälden der verschiedensten Epochen, und natürlich kommt auch hier wieder der religiöse Aspekt nicht zu kurz. Schloß Sigmundskron ist zudem ein Identifikationsort der Südtiroler Autonomiebewegung, die zusammen mit der Geschichte Tirols im Hauptturm des Schlosses dokumentiert ist. Und wer nach drei Stunden immer noch nicht genug hat, kann sich im Museumskino noch das eine oder andere filmisch erklären lassen.

Als geschichtsträchtig erweist sich im übrigen auch die Fahrt von Dolomites nach Firmian entlang der Großen Dolomitenstraße und über die Gebirgspässe: aus vielen Kriegsruinen sind in den letzten Jahren vorbildliche museale Dokumentationsstätten geworden, es lohnt sich also, den einen oder anderen Zwischenstopp einzuplanen.

Juval

„Herzlich willkommen, auch im Namen des Hausherrn”, begrüßt der Burgführer auf der Burg Juval, hoch über dem Etschtal, die ankommenden Besucher. Hier verbringt Reinhold Messner jeden Sommer zwei Monate, hier steht sein Schreibtisch, hier reiht sich in seiner Bibliothek Buch an Buch. In den übrigen warmen Monaten des Jahres darf die Burg besichtigt werden.

Aus Prinzip fährt auch hier der Shuttlebus nicht bis vor die Tür, und so tröpfeln die Teilnehmer der Führung erst nach und nach auf dem kleinen Burghof ein: „Herzlich willkommen, Sie haben noch nicht viel versäumt.” Auch die folgenden Nachzügler werden gleicherart begrüßt. Aber irgendwann ist es dann doch an der Zeit, sich den Innenräumen zuzuwenden. Der Hausherr hat die stark verfallene Burg restaurieren lassen, die Gruppe wird durch Räume mit Kultgegenständen geführt, dahinter folgen ein Expeditionslager, ein Rittersaal mit herrlichen Fresken, die bereits erwähnte Bibliothek sowie diverse andere Räume. Der Meditationsraum und Galerieturm dürfen schließlich gar auf eigene Faust besucht werden.

Ortles

Ein letztes Messner Mountain Museum fehlt noch: Ortles. Es befindet sich im Bergsteigerdorf Sulden, am Fuß des mächtigen Ortlermassivs. Vom begrünten Dach des Gebäudes stürmt gerade eine kleine Herde Yaks herab. Thema des Museums ist aber ein anderes, nämlich die Welt des ewigen Eises. Im kleinen Kino berichtet Reinhold Messner von der Eroberung des Südpols und vom eigenen Abenteuer einer Durchquerung der Antarktis ohne Schlittenhunde und ohne Motorfahrzeuge. Objektiv betrachtet ist Ortles aber vor allem eine Gemäldegalerie, spezialisiert auf Motive rund um das Ortlermassiv. Vom raumfüllenden Triptychon bis zur kleinformatigen naturalistischen Malerei ist hier jede Stilrichtung vertreten.

Um alle Mountain Museen zu besuchen, legt man etwa 500 Kilometer zurück, plus Anfahrt nach Bruneck und Heimreise dann aus dem Vinschgau. Oder auch umgekehrt. Die Museen haben unterschiedliche Schließtage, so daß die Tour sorgfältig geplant werden will. Auch wird wohl kaum jemand die schönen Dolomitenpässe befahren wollen, ohne da oder dort eine Wanderung zu unternehmen oder einen Gipfel zu besteigen, von kulturellen Zwischenzielen wie dem Ötzi-Museum oder den Gärten von Schloss Trautmannsdorf ganz zu schweigen. Ließe man alles andere aus, bräuchte man aber wohl vier Tage allein für die beschriebenen Besuche.

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