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Vielseitiges Ingolstadt

im Schulmuseum, im Stadtmuseum und bei den Manchinger Kelten und Römern könnte man einen ganzen Tag zubringen.

Jeder, der die bayerische Hauptmagistrale – also die A9 – befährt, freut sich, wenn er bei Ingolstadt die halbe Strecke zwischen Nürnberg und München hinter sich weiß. Pausieren und die Stadt oder eines ihrer Museen besuchen kam eigentlich nie in Betracht. Schade eigentlich, denn der kleine Abstecher hätte sich gelohnt. Nicht nur eine oder zwei Stunden, nein, einen ganzen Tag könnte man hier in der xxx zubringen. Und dann gleich noch einen zweiten, weil der erste nicht gereicht hat.

Ein völlig unterschätztes Museum ist zum Beispiel das

Heinrich-Stiefel-Schulmuseum

Das Museum sei „hier überall”, antwortet man mir auf die Frage nach dem gesuchten Eingang. Ich müsse mich aber zuvor im Sekretariat anmelden. Daß in einem Schulgebäude keine schulfremden Personen herumspazieren dürfen, war mir gar nicht mehr bewußt gewesen. Und tatsächlich werde ich, während ich mich neugierig-gespannt die Flure und Treppen der Wirtschaftsschule entlang hangle, von diversen Lehrkräften angesprochen, ob ich denn schon angemeldet sei. Ja, bin ich. Das wiederum erfreut den Lehrkörper, denn aus ihrer eigenen Schulzeit plaudern sie alle gerne.

Ob sie sich auch von der gestrengen Frau Lehrerin übers Knie legen lassen mußten wie die Kinderpuppen in der Spielzeugvitrine, darf allerdings bezweifelt werden. Und dann erst der Umgang mit Tintenfässern und Füllern, die daraus aufgezogen werden mußten, weil die Patrone noch nicht erfunden war! Wie leicht wir es doch heutzutage haben. Zwei Treppen weiter gilt es dann allerlei Tierpräparate zu bewundern, gleich nebenan veranschaulichen diverse Projektoren nebst zugehörigen Filmstreifen, wie man Anfang des Jahrhunderts den Unterricht medial aufzulockern wußte. Die Schreibmaschinen diverser Generationen und der Commodore-PC standen sicher nur den Verwaltungskräften zur Verfügung, aus dem Mathe-Unterricht haben Rechenschieber und erste Taschenrechner die Zeiten überdauert. Und über allem liegt die typische Geräuschkulisse des Schulbetriebs. Während ich mich noch über den Aufsatztext „als Luther seine 95 Thesen an die Kirchentür nagelte, spaltete er damit versehentlich die Kirche” amüsiere, fällt mir siedendheiß ein, daß mein Parkschein längst abgelaufen ist: ich bin schon weit mehr als eine Stunde hier. Zum Glück hat aber die Kontrolle heute offenbar frei.

Stadtmuseum

Was ist eigentlich ein Kavalier? Nun, das Stadtmuseum befindet sich in einem solchen. Das Backsteingebäude ist so breit, daß man nicht außen herum fahren kann, man muß vielmehr mitten hindurch. Ein Bogen für stadteinwärts, einer für stadtauswärts und ein dritter für die Fußgänger und Radfahrer. Und es heißt übrigens „das” Kavalier.

Im Inneren verteilt sich das Museum auf viele viele hintereinander liegende Räume. Das ist einerseits recht übersichtlich, andererseits darf man sich, will man die Gesamtheit sehen, nicht allzu viel Zeit für die Details nehmen. Denn auf halbem Weg hinaus in den Nordflügel gibt es ja noch die Treppe ins Untergeschoß.

Der chronologischen Anordnung wegen befindet sich einer der bedeutendsten Schätze, die es hier zu entdecken gilt, gleich in einem der ersten Räume: das rätselhafte Bernsteincollier, gefunden auf dem Gelände der Audi AG. Die Pracht besteht aus etwa 2.700 honigfarbenen Perlen und wurde sicher nur zu besonderen Anlässen getragen. Wenn überhaupt.

Auf die Steinzeitkulturen folgen, man ahnt es schon, die bronzenen und eisernen Artefakte der Hallstattzeit, dann die wirklich erstaunlichen Hinterlassenschaften der Römer, gefolgt vom frühen Mittelalter, der romanischen und gotischen Steinplastik, den Kriegen des 16. und 17. Jahrhunderts, dem Ingolstädter Buchdruck, dem Zunftwesen, der barocken Frömmigkeit und schließlich der Stadt im 19. und im 20. Jahrhundert. Nicht links oder besser gesagt rechts liegen lassen sollte man auch den für Vorträge, Konzerte und Trauungen genutzten Barocksaal.

Nicht weniger spannend geht es im Untergeschoß weiter mit den Abteilungen vom Handwerk zur Industrie. Wie unschwer zu erraten ist, dreht sich in Ingolstadt fast alles um den Fahrzeugbau, der Name der Autoschmiede darf als bekannt vorausgesetzt werden. Vorher gilt es aber noch ein hölzernes, von einer Transmission angetriebenes Ungetüm zu bestaunen. Was hier einst gestampft wurde war Tabak. Schnupftabak.

Und dann befinde ich mich, zumindest nominell, in einem anderen Museum, dem Spielzeugmuseum. Was hier sofort ins Auge sticht ist, daß die Schienen der Modelleisenbahn anders aussehen als gewohnt: es sind deren drei, und sie sind auch viel breiter als die typischen H0-Schienen. Und ebenso die Bahnanlagen und Gebäude. Rollendes Material ist nicht zu sehen, es wird wahrscheinlich nur zu den Vorführtagen aus dem Schrank geholt. Es finden sich jedoch zahlreiche Lokomotiven und Wagen aller Spurweiten in den umstehenden Vitrinen, und auch andere alte Spielsachen sind reichlich vorhanden.

Wer die Modellbahn im Betrieb erleben möchte, muß übrigens sonntags kommen. Jeden ersten und dritten Sonntag im Monat um 13.30 und 16.30 Uhr, die Sommermonate ausgenommen.

Fleißerhaus

Das Fleißerhaus ist noch bis 2019 geschlossen (sagt die Website) und wird am 3. Mai 2020 feierlich wieder eröffnet (sagt das Stadtmuseum). Nun ja, daß eine Sanierung länger dauert als ursprünglich angekündigt, kommt in den besten Familien vor. Der Besuch des Wohnhauses der 1974 verstorbenen Dichterin muß also noch warten.

Kelten Römer Museum

Der markante petrolfarbene Bau läßt schon von außen erkennen, welcher Gebäudeteil sich welchem Thema widmet: rechts Kelten, links Römer. Aber wo befindet sich, vom kleinen Parkplatz kommend, der Eingang? An der Stirnseite? Nein, dort ist nur die Tür zu den Büroräumen. An der gegenüber liegenden Seite? Ja. Allerdings ein Stockwerk höher. Nur wo du zu Fuß hingehst, bist du wirklich gewesen: hätte ich diese Weisheit berücksichtigt, stünde ich jetzt, von der Straße auf die Rampe gewechselt habend, genau da oben. Aber man muß nicht zwingend die lange Rampe nehmen, es gibt auch eine Treppe. Und vielleicht hätte ich auch einfach unter dem Gebäude hindurch gehen können, wer weiß.

Allein schon die Architektur des spektakulären Neubaus ist beeindruckend. Durch raumhohe Fenster schweift der Blick hinaus in die Umgebung: der winterlich kahle Auwald, die Wiesen und Felder, die nahe Autobahn – es ist wahrlich kein großer Umweg, den der Durchreisende hier auf sich nehmen muß. Aber wer will schon aus dem Fenster sehen, bei so vielen Schätzen, die sich hier vor einem ausbreiten.

Die meisten, genau genommen eigentlich alle, haben im Boden überdauert, und so werden einige von ihnen auch präsentiert. Das ist erfrischend anders und vermittelt ein Stück weit die Fundsituation, erschwert aber natürlich ein detailliertes Betrachten. Wer das möchte, findet jedoch ausreichend Ersatz in den Hängevitrinen. Die geheimnisvoll verhängten speziellen Museumsschätze hebe ich mir für später auf und suche erst einmal die beiden Römerschiffe auf, die hier in der Nähe bei Bauarbeiten entdeckt wurden. Da liegen sie also, jedes etwa 15 Meter lang und in erstaunlich gutem Erhaltungszustand. Verkleinerte Nachbauten und ein Diorama des Kastells veranschaulichen die Zusammenhänge, Fundstücke römischen Lebens in den Vitrinen unterstützen die Phantasie.

Und was verbirgt sich nun hinter den Stoffbahnen? Gold! Aber nicht nur. Zum einen ist da natürlich der Goldschatz aus dem Oppidum von Manching, ein ganzer Haufen sogenannter Regenbogenschüsselchen. Die Pretiosen hinter dem anderen Vorhang jedoch entreißen einem schier die Kontrolle über die eigene Kinnlade: ein Bäumchen, etwa 50 Zentimeter hoch, mit goldenen Zweigen und Blättern, ein weltweit einzigartiger Schatz. Man möchte es am liebsten anfassen, um seine Natur zu erfühlen. Aber es ist natürlich Glas davor. Und das Bäumchen ist noch lange nicht alles hier im Raum, auch die anderen faszinierenden Objekte sind so exzellent präsentiert wie es ihrem kulturellen Wert entspricht, denn sie sind einzigartige Zeugnisse keltischer Kunstfertigkeit.

Genau wie die Silbermünze mit dem Pferdemotiv. Wie haben die keltischen Kunsthandwerker es bloß geschafft, sie so derart filigran zu fertigen, die Lupe war ja noch nicht erfunden?!

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