Version
4.5.2024
Carl Spitzweg, Die Angebetete zu „Der rote Schirm”,
Carl Spitzweg, Die Angebetete, um 1840, Öl auf Leinwand
Spitzweg, Wo ist der Pass? zu „Der rote Schirm”,
Carl Spitzweg, Wo ist der Pass?, 1848/50, Öl auf Eichenholz
Spitzweg, Der arme Poet zu „Der rote Schirm”,
Carl Spitzweg, Der arme Poet, Vorstudie auf Papier/Karton, um 1837
Carl Spitzweg, Der Sonntagsspaziergang zu „Der rote Schirm”,
Carl Spitzweg, Der Sonntagsspaziergang, 1841, Öl auf Holz
Carl Spitzweg, Der Witwer zu „Der rote Schirm”,
Carl Spitzweg, Der Witwer, um 1844, Öl auf Leinwand
Carl Spitzweg, Vorüber zu „Der rote Schirm”,
Carl Spitzweg, Vorüber, 1870/75, Öl auf Holz
Spitzweg, Mädchen mit Ziege zu „Der rote Schirm”,
Carl Spitzweg, Mädchen mit Ziege im Gebirgstal I, 1852/55, Öl auf Holz
Spitzweg, Badende Nymphen zu „Der rote Schirm”,
Carl Spitzweg, Badende Nymphen, 1870/75, Öl auf Leinwand

Beitrag

Der rote Schirm

Liebe und Humor bei Carl Spitzweg

Rainer Göttlinger, 3. Mai 2024
Buch: Hirmer-Verlag

Carl Spitzwegs Gemälde vom „armen Poeten”, der sich in seiner Dachkammer der Dichtkunst gleich in doppelter Hinsicht widmet, wird wohl jeder schon einmal irgendwo wahrgenommen haben. Und wer nicht genau hinsieht, dürfte dieses und andere bekannten Spitzweg-Bilder für den Inbegriff spießbürgerlicher Biedermeier-Romantik halten und den Künstler folglich für einen Ewiggestrigen, der voller Inbrunst der verlorenen „guten alten Zeit” nachträumt.

Doch das ist mitnichten so.

Genau betrachtet ist dieser Spitzweg ein Karikaturist, ein Satiriker, der eben jenes Spießbürgertum in köstlicher Art und Weise auf die Schippe nimmt. Wer diesen hintergründigen Spitzweg aufspüren möchte, ist in der Ausstellung „Der rote Schirm - Liebe und Heirat bei Carl Spitzweg” im Schweinfurter Georg Schäfer Museum bestens aufgehoben und sollte insbesondere auch den im Hirmer Verlag erschienenen Katalog erwerben. Der Verfasser hat sich beides angesehen – und ist begeistert.

Besonders deutlich zeigt sich Spitzwegs spezieller Humor in dem Werk „Die Angebetete”, darin sich ein alleinstehender, greiser und kurzsichtiger Herr zum Gespött der Leute macht, indem er voller Liebesglut, jedoch in Ermangelung seiner Brille, seinen Heiratsantrag an eine Kleiderpuppe richtet.

Spitzweg, selbst höchst kurzsichtig, kennt sie alle, die Dummköpfe und Einfaltspinsel, Kindsköpfe und Hanswursten, die von den Irrwegen ihrer Existenz und den schicksalshaften Verstrickungen mit ihrer Vergangenheit gezeichnet sind. Und stets betrachtet er sie mit der wohlwollenden Anteilnahme dessen, der so viel mit ihnen gemein hat.

So manchem Spitzweg-Motiv wohnt zudem eine hintergründige Begebenheit inne, die sich dem Betrachter, wenn überhaupt, erst auf den zweiten Blick erschließt. So deutet der Bassist einer fahrenden Musikantentruppe, als er von dem fränkischen Polizisten nach seinem Pass gefragt wird, auf seinen im Gras abgestellten Bass. Dazu muss man wissen, dass in Franken die Buchstaben „P” und „B” in der Aussprache sehr ähnlich klingen. Und schon haben wir ihn wieder vor uns, den Karikaturisten.

Es sind diese für Spitzweg so typischen Szenerien, die den Ausstellungsbesuch in Schweinfurt trotz der immensen Zahl ausgestellter Werke so kurzweilig machen. Vereinzelt sind vergleichbare Gemälde anderer Maler eingestreut, der Schwerpunkt liegt jedoch ganz klar bei Spitzweg. Und sie alle haben eines gemeinsam: irgendwo im Bild zeigt sich, mal prominent und mal versteckt, als Requisit ein roter Regenschirm: ein bislang übersehenes, aber überaus wichtiges Detail in Spitzwegs Bildwelt.

Was es damit auf sich hat? Nun, als Zeremonienstab der Hochzeitslader im bäuerlichen Milieu versinnbildlicht der Stockschirm mit seiner speziellen Gestalt und Farbe die Hochzeitsnacht. Spitzweg löst das rote Parapluie jedoch aus seinem eigentlichen Kontext und verleiht ihm gerade durch die inszenierte Bagatellisierung seine Gewichtung als Symbol auch seiner eigenen Liebessehnsucht.

Zweimal im Leben war Spitzweg ernsthaft verliebt, beide Male zerschlugen sich seine Heiratspläne, und so blieb er lebenslang in „Amouren und Amürchen" verstrickt – genau wie seine Bildfiguren: die einsamen Wissenschaftler, die schrulligen Kaktusliebhaber, die schüchternen Verehrer.

Unzählige Male durchwanderte Spitzweg die Alpenregionen, seine favorisierten Ziele waren Rosenheim, der Achenpass, der Chiemsee, Garmisch-Partenkirchen, Oberammergau und der Ammersee. Oft überraschte er auf seinen Wanderungen Jäger und Sennerinnen beim innigen tête á tête: in seinen Bildern wurden sie zu Sinnbildern seiner Träume. Konzeptionelle Ideen fand Spitzweg zudem in der Sagen- und Märchenwelt und sogar in der Bibel.

Wer das alles und noch viel mehr in Ruhe noch einmal nachlesen und auch zuhause nie müde wird, seine Augen wieder und immer wieder durch all die liebevoll-hintersinnigen Details der Spitzweg-Gemälde wandern zu lassen, wird am 176-seitigen Katalog und insgesamt 146 farbigen Reproduktionen seine helle Freude haben.

Kuratorin Dr. Andrea Fromm geht in ihren Kapiteln sorgfältig auf Spitzwegs Liebes- und Frauenbegriff und insbesondere seine Bildsprache ein, samt rotem Schirm und der darin versteckten Liebessehnsucht: der Schirm als mütterlicher Schutzschild, die Liebe in der Stadt, der rote Schirm auf Reisen, beim Wandern und beim Picknick, der rote Schirm bei den Sonderlingen, bei Eremiten und Mönchen und natürlich immer wieder Spitzwegs ganz private Gedanken und Gefühle, die er in einsamen Abenden in Gedichtform goß.

Der rote Schirm Liebe und Heirat bei Carl Spitzweg, 176 Seiten, 146 Abb. in Farbe, 20x24 cm, gebunden, Hirmer Verlag, 34.90€, ISBN 978-3-7774-4353-9

POI

Museum, Schweinfurt

Museum Georg Schäfer

Ge­mälde und Ar­bei­ten auf Papier vom aus­gehen­den 18. bis zum Beginn des 20. Jahr­hun­derts - vom späten Rokoko über die Klassi­zisten bis hin zu den Im­pres­sio­nisten.

Bis 16.6.2024, Schweinfurt

Der rote Schirm

Ein bislang über­sehenes, aber überaus wichtiges Detail in der Bildwelt Spitz­wegs ist ein roter Regen­schirm. Gezeigt werden ca. 80 Gemälde, Aquarelle, Zeich­nungen und Grafiken aus den Jahren 1835 bis 1880.

Ab 14.7.2024, Schweinfurt

Tod und Teufel

Erst­mals be­leuch­tet eine Schau das Erbe und die Fort­führung unter­schied­licher künstle­rischer Strate­gien des Horrors in Mode, Musik, Film, sowie in der zeit­ge­nössi­schen Kunst.

Museum, Schweinfurt

Kleines Industriemuseum

Technische Geräte insbesondere aus der Schweinfurter Kugellagerindustrie. Alle Geräte sind voll funktionsfähig.

Museum, Schweinfurt

Kunst­halle Schwein­furt

Städtische Sammlungen zur deutschen Kunst nach 1945, Exponate des Kunstvereins Schweinfurt, Dauerleihgabe der Sammlung Joseph Hierling mit Werken des Expressiven Realismus aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen.

Museum, Schweinfurt

Spar­kas­sen­ga­le­rie

Verantw. gem. §55 Abs 2 RStV:
Rainer Göttlinger
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