Version
21.7.2026
Pullmann Express zu „Die Melodie Graubündens”,
© Georg Trüb
Kirchengewölbe zu „Die Melodie Graubündens”,
Grablegung zu „Die Melodie Graubündens”,
Segantini, Frühling in den Alpen zu „Die Melodie Graubündens”,
Modell zu „Die Melodie Graubündens”,
Landrichterwappen zu „Die Melodie Graubündens”,
Alois Carigiet, Schellen-Ursli zu „Die Melodie Graubündens”,
Alois Carigiet, Schellen-Ursli, Bilderbuch erschienen 1945
© Orell Füssli Verlag Turitg
Gelände zu „Die Melodie Graubündens”,

Beitrag

Die Melodie Graubündens

Wie die Rhätische Bahn Kultur, Landschaft und Geschichte zu einem Gesamtkunstwerk verbindet

Rainer Göttlinger
Davos, 21. Juli 2026

Wenn ein bekannter Schweizer Reiseveranstalter von den „Big Five“ spricht, dann sind damit keine Löwen oder Elefanten gemeint, sondern jene schmalspurigen Züge, an deren Stirnseite ein Steinbock prangt – das Wappentier Graubündens. Und gelegentlich soll hier auch eines jener Krokodile gesichtet worden sein, wie sie heute vor dem Bahnmuseum in Bergün stehen oder im Luzerner Verkehrshaus.

Die Züge tragen so klangvolle Namen wie Glacier Express, Bernina Express oder Alpine Classic Pullman Express. Sie befahren kunstvoll in die alpine Landschaft eingepaßte Viadukte und Tunnel, die ihnen die Anerkennung als Weltkulturerbe eingetragen haben.

Doch geht die Faszination nicht allein von den Zügen und Strecken aus. Wie ein Komponist die Sätze einer Symphonie, fügt die Rhätische Bahn die rätoromanische Surselva, das sonnenverwöhnte Engadin, das italienisch geprägte Puschlav und die älteste Stadt der Schweiz Chur zu einer vielsätzigen Komposition zusammen. Es lohnt sich also, mehr Zeit zu investieren als im Fahrplan steht. Deutlich mehr. Aussteigen, sich in die Geschichte und den speziellen Charakter der Orte vertiefen und die Fahrt erst mit dem übernächsten Zug fortzusetzen ist im Netz der RhB oberstes Gebot.

Ein Ort, den man dabei auf gar keinen Fall versäumen darf, ist das Kloster St. Johann in Müstair: ein nahezu vollständig erhaltenes Zeugnis des karolingischen Mittelalters um das Jahr 800. Dass die nach Osten zum Vinschgau hin orientierte Talschaft abseits der RhB-Schienen liegt, wird durch die spektakuläre Fahrt mit dem Linienbus durch den Schweizer Nationalpark mehr als aufgewogen, zumal auch der neue Vereinatunnel die Bahnfahrt nach Zernez, wo der Bus schon auf die ankommenden Fahrgäste wartet, angenehm verkürzt. Dass sämtliche Züge und Busse mit der Perfektion eines Schweizer Uhrwerks aufeinander abgestimmt sind, erleichtert das Reisen ungemein und gilt auch für alle anderen Verbindungen – ganz gleich, ob man im Süden über St. Moritz und den Berninapass bis nach Tirano oder im Westen durch die Surselva und über den Oberalppass bis nach Andermatt fährt.

Ein kulturell sehr bedeutender Ort an der Oberalplinie ist Trun. Zwar liegen der Bahnhof und das Museum Sursilvan nicht gerade nebeneinander, doch erweist sich der Weg durch den Ort und vorbei am Geburtshaus des Schellenursli-Malers Alois Carigiet als durchaus reizvoll. Und spätestens beim Betreten des üppig bemalten Landrichtersaals wird sofort ersichtlich, wie wichtig dieser Ort und dieses Gebäude für die rätoromanische Identität, Sprache, Alltagskultur und das Selbstverständnis sind.

Hier, in einer der ältesten Kulturlandschaften der Schweiz, ist deren vierte Landessprache, das Rätoromanisch, ebenso allgegenwärtig wie drüben im Oberengadin, wo das Hochgebirge selbst zum künstlerischen Sujet wird. Denn Giovanni Segantinis lichtdurchflutete Gemälde wären kaum denkbar ohne die inspirierende ortstypische Gebirgslandschaft, deren besonderen Zauber auch jenen Besuchern zuteil wird, die sich in Sameden oder Pontresina der Berninabahn anvertrauen und über den gleichnamigen Pass bis hinunter nach Tirano weiterfahren.

Kulturelles Zentrum Graubündens ist aber natürlich die Kantonshauptstadt Chur. Dort laufen die Fäden zusammen. Das Bündner Kunstmuseum steht für die Kunstgeschichte Graubündens vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, während das Rätische Museum den historischen und kulturgeschichtlichen Rahmen liefert. Und die Arosa-Linie der RhB spielt hier, wo sie ihren langen Aufstieg beginnt, ein Stück weit Straßenbahn.

Der letzte Satz unserer kulturgeschichtlichen Symphonie erklingt in Davos. Wie auch im benachbarte Filisur liegt der Bahnhof günstig am zentralen Schienenring der RhB. Mit dem Ludwig Kirchner Museum steht Davos für Farbe, Expressionismus und den radikalen Aufbruch des 20. Jahrhunderts. Die Schatzalp wiederum, deren ehemaliges Sanatorium den Schriftsteller Thomas Mann zu seinem „Zauberberg“ inspirierte, wird wegen ihres Alpinum voller Enziane und anderer vielfarbiger Raritäten heute vor allem von Botanikliebhabern aufgesucht.

Thomas Mann war es auch, der seinen Protagonisten Hans Castorp per Bahn nach Davos anreisen ließ, mit obligatorischem Umstieg in Landquart – jenem Bahnhof, wo es gilt, vom Normalgleis auf die schmalspurigen Züge der Rhätischen Bahn umzusteigen: ein Verkehrsträger, der Orte und ganze Epochen verbindet – zuverlässig, beinahe lautlos und mit einer Selbstverständlichkeit, die leicht vergessen lässt, welch technische Meisterleistung dahintersteht.

Mehr noch: die Rhätische Bahn vereint die räumlich getrennten Teile zu einem Gesamtkunstwerk. Sie führt die Melodie weiter, lässt Motive wiederkehren und sorgt dafür, dass aus karolingischem Mittelalter, rätoromanischer Kultur, alpiner Landschaftsmalerei und expressionistischer Moderne ein zusammenhängendes mehrsätziges Werk wird.

POI

Museum, Davos Platz

Kirchner Museum

Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) lebte von 1917 bis zu seinem Tod in Davos. Sein Werk gilt als wegweisend im deutschen Expressionismus. Das Kirchner Museum beherbergt die weltweit umfangreichste Sammlung von Werken des Künstlers.

Museum, Bergün / Bravuogn

Bahn­mu­seum Al­bu­la

Tech­nische, wirt­schaft­liche und kulturelle Hinter­gründe der Bahn. Detail­getreues Modell der Albula­bahn mit Gebäuden, Viadukten und Tunneln.

Museum, Müstair

Kloster­museum Müstair

Histo­rische Gebäude aus dem 8. bis zum 18. Jh. mit Aus­stattung und gut erforschter Bau­geschichte. Karolin­gische und roma­nische Wand­male­reien an der Kirche, Kost­bar­keiten aus archäo­logi­schen Funden.

Museum, Trun

Museum Sursilvan

Historisches Museum: möblierte Interieurs; Abts-Stube, Abtskapelle; Landrichtersaal mit den Wappenbildern der Landrichter und Magistraten seit 1424. Gemäldegalerie: Originalzeichnungen der Kinderbücher von Alois Carigiet; W

Museum, St. Moritz

Segan­tini Museum

Dem Maler Gio­vanni Se­gan­tini ge­wid­me­tes Museum. Werke aus allen seinen Schaf­fens­zeiten, ins­be­son­dere das groß­forma­tige Alpen­tripty­chon.

Museum, Zillis

Aus­stellung Kirche Zillis

Didak­tische Aus­stellung mit einzel­nen Objekten zum besseren Ver­ständ­nis der roma­ni­schen Bilder­decke von St. Martin in Zillis. Modelle, Audio­vision, Re­kon­struk­tionen. Wechsel­aus­stellungen.

Museum, Langwies

Viadukt Museum Langwies

Das Museum doku­men­tiert die zur Bauzeit größte und am weitesten gespannte Stahl­beton-Eisen­bahn­brücke der Welt.

Verantwortlich für den Inhalt nach §18 Abs. 2 MStV:
Rainer Göttlinger • Felsenstr. 19 • 90449 Nürnberg
Pressemitteilungen willkommen
#10322 © Webmuseen Verlag