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26.4.2024
Simon Marius zu „Mundus Jovialis”,
Simon Marius Ausstellung zu „Mundus Jovialis”,
Lutherbibel zu „Mundus Jovialis”,
Onoltzbach zu „Mundus Jovialis”,
Globus-Puzzle zu „Mundus Jovialis”,
Buchcover zu „Mundus Jovialis”,

Beitrag

Mundus Jovialis

Rainer Göttlinger, 26. April 2024
Buch: Schrenk-Verlag

„Deswegen erscheint es mir passend, den ersten Mond (des Jupiter, Anm. d.V.) Io zu nennen, den zweiten Europa, den dritten wegen seines herrlichen Glanzes Ganymedes, schließlich den vierten Kallisto.” Diese Namen tragen die vier großen Jupitermonde auch heute noch.

Aber es war nicht Galileo Galilei, der sie ihnen gab, sondern der weit weniger bekannte markgräflich-Ansbacher Hofastronom Simon Marius, 1573 in Gunzenhausen geboren und erst sehr viel später zum Namenspaten des dortigen Gymnasiums erkoren. Vorausgegangen war nämlich die Behauptung seines italienischen Kollegen Galileo Galilei, er habe seine im Buch „Mundus Jovialis” (Die Welt des Jupiter) dargelegten Entdeckungen einfach dreist bei ihm abgeschrieben. Den Ruhm, die Jupitermonde entdeckt zu haben, heimste Galileo in der Folge ganz allein ein.

Marius’ Ruf nahm durch diese Begebenheit nachhaltig Schaden, und sein lange Zeit als Plagiat verunglimpftes Hauptwerk führte ein verstecktes Dasein in diversen Bibliotheken, bis schließlich Oberstudiendirektor Werner Pilhofer den Latein-Leistungskurs seines Simon-Marius-Gymnasiums und dessen Leiter Joachim Schlör mit jener Übertragung ins Deutsche betraute, die der Schrenk-Verlag dann 1988 veröffentlichte.

Im April 2024 erschien nun eine überarbeitete Neuauflage, die nicht nur erneut Faksimile und deutsche Übersetzung einander gegenüberstellt, sondern auch Marius’ Verteidigung gegen die Vorwürfe des Ingolstädter Astronomen Christoph Scheiner umfaßt. Das Buch kostet 25€ und ist „ganz besonders allen Menschen gewidmet, die heute noch Latein lernen”.

Der Verfasser hat es sich angesehen und begeistert erkannt, mit welch unglaublicher Präzision Marius die darin niedergelegten Erkenntnisse erarbeitet hat. So schreibt er über den innersten Jupitermond: „diese Strecke (also den vollen Umlauf, Anm. d.V.) durchwandert er in einem Tag, 18 Stunden, 28 Minuten und 30 Sekunden.” Vergleicht man diesen Wert mit den aktuell veröffentlichten Bahndaten des Io, kommt man auf eine Differenz von gerade einmal 54 Sekunden oder 0.3 Promille. Wie konnte Marius einen Vorgang, der sich ihm lediglich in der wechselnden Position eines kaum wahrnehmbaren Lichtpünktchens darbot, derart präzise erfassen?

Der Mathematiker und Hofastronom erkannte aber noch etwas anderes: die maximalen Abstände der Monde vom Zentralkörper schienen in der Zeit, wenn der Planet in Opposition zur Sonne stand, geringfügig größer zu sein als in der Quadraturstellung, also mit Sichtlinien im rechten Winkel zueinander. Daraus ergibt sich mit etwas Nachdenken, dass die Sonne und nicht die Erde den Mittelpunkt der Jupiterbahn bildet, denn nur so ließen sich die offenbar im Jahresverlauf wechselnden Abstände des Planeten zur Erde erklären.

Die verschiedenen Weltmodelle sind im Buch auf Seite 171 wiedergegeben. Im klassischen geozentrischen System kreisen alle Himmelskörper, angefangen vom Mond über Merkur, Venus und Sonne bis hinaus zu Mars, Jupiter und Saturn auf konzentrischen Bahnen um die Erde. Das „ägyptische” System des Herakleides läßt immerhin Merkur und Venus, die ja bekanntlich niemals in Opposition zur Sonne stehen, dieselbe umkreisen. Der Däne Tycho Brahe vertrat die Auffassung, dass dies auch die äußeren Planeten tun, und das heliozentrische System des Aristarchos läßt gar die Erde um die Sonne kreisen statt umgekehrt – eine gar ketzerische Auffassung, die zu verbreiten zu Galileo Galileis und Simon Martins Zeiten einem Todesurteil glich, denn die päpstliche Inquisition ließ Widersprüche gegen die damalige Auslegung der Bibel unter gar keinen Umständen durchgehen: Giordano Bruno starb auf dem Scheiterhaufen, Galilei musste widerrufen, Simon Marius, der ohnehin eher Tycho Brahes Weltbild zuneigte, blieb zum Glück unbehelligt.

Astronomie beGreifen

Das Ansbacher Markgrafenmuseum zeigt zum 300. Todestag des nunmehr rehabilitierten Hofastronomen eine Sonderausstellung, die in ihrer Bescheidenheit geradezu beschämend genannt werden müßte, hätte sie nicht die Klasse 10g/2010/11 des Christoph-Jacob-Treu-Gymnasiums Lauf um eine schöne Hands-on-Wanderausstellung zu den Grundlagen der Himmelsmechanik bereichert. Sicher, man hat seitens der Stadt die faksimilierte Seite mit den Himmelskreisen aus der Schedel'schen Weltchronik von 1493 aufgelegt und ebenso einen Nachdruck der Luther-Bibel von 1534 mit der ganzseitigen Illustration „Paradies und Kosmos”, die beide für jenes geozentrische Weltbild stehen, das durch Marius’ Beobachtungen ins Wanken geriet. Auch ein modernes Porträt, eine Ansicht des markgräflichen „Onoltzbach” und ein paar Texttafeln zu Person und Werk bereichern die kleine Schau.

Deutlich mehr Charme geht jedoch von den liebevoll auf buntem Kopierpapier erläuterten Schülerarbeiten aus: das Sonnensystem in der Sichtweise des Mittelalters, die Schedel’sche Weltchronik, Dürers Magisches Quadrat, der Behaim-Globus, die „Nürnberger Stunden”, das Astrolabium, das Focault’sche Pendel, die Ursache der retrograden Planetenbewegung, die Entstehung der Jahreszeiten und schließlich der Blick durchs Fernrohr quer durch den Raum auf die Jupitermonde, falls sie denn gerade sichtbar sind – so ein Lampenstecker kann, steckt man ihn denn in die Dose, die Beobachtungsqualität recht beträchtlich erhöhen.

Eigentlich begeht man in Ansbach das Gedenkjahr seines Ablebens zu früh, denn nur nach der Julianischen Kalenderzählung starb Simon Marius am 26. Dezember 1624 – im reformierten Kalender entspricht dieser Tag dem 5. Januar 1625. Und glaubt man der Wandtafel, die in der Ausstellung als Beobachtungsziel für das Fernrohr dient, hat er seine Beobachtungen auch tatsächlich im neuen Kalender notiert. Natürlich stimmen sie, wie sollte es anders sein, exakt mit denen seines italienischen Kollegen überein, nur mit dem Unterschied, dass dessen Liste am 7. Januar beginnt und Marius’ Liste erst am 8. Januar desselben Jahres. Ein einziger Tag nur! Zu knapp, um von den Beobachtungen im fernen Florenz zu erfahren, aber zu spät, um den Ruhm des Erstentdeckers einzustreichen.

Immerhin, so die Überlegung, entlastet ihn diese Differenz ganz eindeutig vom Vorwurf des Plagiats, denn warum um alles in der Welt hätte er sich freiwillig die Position des Zweitentdeckers herbeifälschen sollen? Ausgerechnet er, der bequem auch die Position des 7. Januar hätte zurückrechnen können? Oder gar die eines noch früheren Tages? Aber so ist eben der Lauf der Welt: der Ehrliche ist letztlich der Dumme.

POI

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Reiz­voller Ge­bäude­kom­plex aus dem 14. bis 18. Jahr­hun­dert. Vor- und Früh­ge­schichte, Ans­bach und Bayern zur Mark­grafen­zeit, Kas­par Hauser.

Bis 2.6.2024, Ansbach

Herr­scher und Himmels­deuter

Die Er­kennt­nis, dass um den Jupiter vier Monde kreisen, war revo­lu­tio­när. Hof­astro­nom Simon Marius ent­deckte sie am 8.1.1610, einen Tag nach Galilei. Von ihm stammen jedoch die Namen der Monde: lo, Europa, Ganymed und Kallisto.

Museum, Ansbach

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Ges­chich­te des sude­ten­schle­si­schen Her­zog­tums Jägern­dorf, vor allem unter den Fürsten von Bran­den­burg-An­sbach und Liech­ten­stein, sowie über Stadt und Kreis Jägern­dorf bis 1945. Doku­mente, Photo­gra­phien, Tex­ti­lien, Gegen­stände.

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Bis 15.12.2024, Bad Windsheim

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