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29.7.2023
Autoliebhaber Tuchmann zu „Tuchmann verschwindet”,
Autoliebhaber Tuchmann
© Firmenarchiv-Drei-S-Werk

Besuchsbericht

Tuchmann verschwindet

Leben und Schicksal eines Schwabacher Fabrikanten

Rainer Göttlinger
Nürnberg, 29. Juli 2023

Sie waren eine ganz normale Familie wie andere auch: der Fabrikant Walter Tuchmann (1891-1942), seine Frau Elise und der süße kleine Hund Rico. Walter Tuchmann war an der Schwabacher Firma Drei-S-Werk, vormals Reingruber, zunächst beteiligt und ab 1918 deren alleiniger Inhaber.

Das Geschäft mit den Grammophonnadeln florierte, denn Reingruber war die einzige Fabrik in Deutschland, die die sog. Burchardnadel herstellen durfte. Sie wurde von Schwabach aus in alle Welt verkauft.

Später, als dieser Markt kriegsbedingt schwächelte und andererseits aus England keine Spinnereinadeln mehr kamen, stellte Tuchmanns Fabrik ihre Produktion bedarfsgerecht um. Ab 1916 schließlich wurde vorübergehend auch Munition und anderer Kriegsbedarf produziert, ehe man in den 1920er-Jahren schließlich zum gefeierten Weltmarktführer für Grammophonnadeln aufstieg.

Die bürgerliche Familie Tuchmann besaß eine Villa in Streitberg in der Fränkischen Schweiz. Man spendete für wohltätige Zwecke, förderte das Nürnberger Künstlerhaus und zog für Deutschland in den Krieg.

Fotos aus dieser Zeit zeigen einen Mann, der seiner Leidenschaft für Autos frönte, aber auch seine Belegschaft am gemeinsamen Erfolg teilhaben ließ. 1922 hatte das Drei-S-Werk („Schwabacher Spinnereinadel- und Stahlspitzenwerk”) fast 150 Beschäftigte, mehr als die Hälfte davon waren Frauen.

Nach 1933 jedoch kam die Wende: angesagt waren nun Anfeindungen und Repressalien gegen Juden, in deren Folge sich Tuchmann schließlich 1935 gezwungen sah, alles stehen und liegen zu lassen und mit Frau und Hund und Auto nach Prag zu fliehen.

Das war, wie man heute weiß, keine besonders gute Idee, denn schon bald erreichte der Arm des Nazi-Regimes auch die tschechische Hauptstadt. Über Rotterdam, wo ihnen aber das gleiche Schicksal drohte, gelangten die Tuchmanns schließlich in die USA und strandeten schließlich mittellos in Mexiko, wo Tuchmann schon bald starb.

Die Belegschaft des Drei-S-Werks nahm Tuchmanns Flucht als ein plötzliches Verschwinden wahr. Wilhelm Engelhardt, Schwabacher Bürgermeister und NSDAP-Leiter, nutzte es in einer Ansprache, um üble antisemitische Verschwörungstheorien auf Tuchmann zu übertragen.

Vieles von alledem wissen wir erst durch die Recherchen, die Kuratorin Marina Heller für die Schwabacher Ausstellung durchgeführt hat. Denn aus dem kollektiven Gedächtnis der Stadt und ihrer Bürger war der jüdische Fabrikant zu diesem Zeitpunkt längst getilgt – so gründlich, dass selbst das Stadtmuseum in seiner Dauerausstellung nur Tuchmanns Konkurrenten Carl Wenglein erwähnt. Man mag ihm das nachsehen, schließlich war Wenglein der Initiator des Museums und einer seiner bedeutendsten Förderer.

Erst gefeiert, dann verfolgt

Dank der unermüdlichen Vorarbeit zu „Tuchmann verschwindet” kam also einerseits eine Lebenswelt wieder zum Vorschein, die über die religiösen Unterschiede hinweg noch weitestgehend in Ordnung war. Eine Welt, in der jeder bürgerliche Haushalt und jedes Tanzcafé über ein Grammophon verfügte, für dessen Betrieb es täglich frische Nadeln brauchte – am besten solche aus Schwabach. Zwei solcher Geräte sind Teil der Ausstellung, ein großes mit riesigem Schalltrichter und ein kleines Koffergerät.

Andererseits aber bieten die audiovisuellen Materialien und die vielen noch nie gezeigten Fotografien und Dokumente aus dem Firmenarchiv des Drei-S-Werks auch reichlich Stoff für entsetztes Kopfschütteln. Nicht nur über nationalsozialistische Hetze und Ausgrenzung, sondern vor allem auch darüber, dass sie in der Generation unserer Väter und Großväter auf so fruchtbaren Boden fallen konnte.

Wie gut also, dass zumindest dieses anschauliche Stück Firmen- und Familiengeschichte vor dem Hintergrund nationalsozialistischer Unrechtsherrschaft nun dem Vergessen entrissen ist.

Der Verfasser hat die Ausstellung am 27. Juli 2023 besucht.

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Tuchmann verschwindet

Die Ausstellung versucht, das Leben und Wirken des Schwabacher Grammophon­nadel­herstellers Walter Tuchmann zu re­kon­stru­ieren und ins kollektive Gedächtnis Schwabachs zurückzuholen.

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Rainer Göttlinger
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