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22.5.2026
Bellotto, Die Freyung in Wien zu „Wie der Onkel, so der Neffe”,
Bellotto, Die Freyung in Wien, Ansicht von Südosten, 1759/60
Kunsthistorisches Museum
Bellotto, Freyung, Prozession zu „Wie der Onkel, so der Neffe”,
Bellotto, Die Freyung in Wien, Ansicht von Südosten, 1759/60 Kunsthistorisches Museum
Bellotto, Die Freyung in Wien zu „Wie der Onkel, so der Neffe”,
Bellotto, Die Freyung in Wien, Ansicht von Südosten, 1759/60
Kunsthistorisches Museum
M. Donner, Franz I. Stephan und M. Theresia zu „Wie der Onkel, so der Neffe”,
Matthäus Donner, Kaiser Franz I. Stephan und Kaiserin Maria Theresia, 1750
Detail mit Hündchen zu „Wie der Onkel, so der Neffe”,
Bellotto, Das Gartenpalais Liechtenstein in Wien von Osten (Ausschnitt), 1759/60
Bellotto, Schönbrunn Gartenseite zu „Wie der Onkel, so der Neffe”,
Bellotto, Schloss Schönbrunn, Gartenseite, 1759/60
Kunsthistorisches Museum

Beitrag

Wie der Onkel, so der Neffe

„Canaletto und Bellotto” im KHM zeigt das Wien der Barockzeit

Rainer Göttlinger
Wien, 1. Mai 2026

Für eine Reise nach Wien braucht es eigentlich keinen speziellen Anlass. Eine Sonderausstellung in einem der großen Wiener Museen, und sei sie noch so spektakulär, liefert lediglich die passende Legitimation.

Bei „Canaletto und Bellotto” ist das anders, denn was das Kunsthistorische Museum noch bis zum 6. September 2026 zeigt, ergänzt das Faszinosum Wien auf wunderbare Weise um den Blick auf das historische Wien der Barockzeit, präziser gesagt auf die Stadtansichten der beiden berühmten venezianischen Vedutenmaler.

Gemalte Stadtansichten waren im 18. Jahrhundert äußerst beliebt. Insbesondere britische Aristokraten, die auf ihrer „Grand Tour” Italien besuchten, wünschten sich Bildsouvenirs von wichtigen Stationen, insbesondere von Venedig.

Ein herausragender Maler, der diesen Markt bediente, war der Venezianer Giovanni Antonio Canal (1697-1768), genannt Canaletto. Der Sohn eines Bühnenbildners verband optische Genauigkeit mit malerischer Fantasie und zeigte Geschäftigkeit, maritime Macht und zeremoniellen Prunk.

Um Präzision zu erreichen, nutzten Vedutenmaler optische Hilfen wie etwa die Camera obscura: ein Kasten, der eine Ansicht mittels einer Linse auf eine flache Oberfläche projizierte. Canaletto verfeinerte das Abepauste, indem er Gebäude verschob, Proportionen anpasste oder mehrere Ansichten zu einer stimmigen Szenerie verwob. Oder anders ausgedrückt: seine Bilder scheinen die Realität abzubilden, sind jedoch sorgfältig inszeniert.

Absatzprobleme wegen des österreichischen Erbfolgekriegs veranlaßten Canaletto 1746 dazu, seinen britischen Kunden entgegenzureisen. Neun Jahre lang malte er vor allem London, wandte sich aber auch einzelnen Landschlössern wie Warwick Castle zu, das er – venezianische Formen auf die englische Landschaft übertragend – mit Gondel zeigt.

Canals Neffe Bernardo Bellotto (1722-1780) begann seine Karriere ebenfalls in Venedig, wo er in der Werkstatt seines Onkels lernte. Um dort seinen Marktwert zu steigern, trat er in Nordeuropa ebenfalls als Canaletto auf. Das führte in London später dazu, dass der echte Canaletto zunächst für einen Trittbrettfahrer gehalten wurde.

1747 zog Bellotto von Venedig nach Dresden und wurde Hofmaler bei August III., Kurfürst von Sachsen und König von Polen. Seine Gemälde aus dieser Zeit zeigen die barocke Silhouette Dresdens mit der Augustusbrücke, der lutherischen Frauenkirche und der neu errichteten katholischen Hofkirche samt Turm, obwohl dieser ja noch im Bau war.

Während der Onkel 1755 nach Venedig zurückkehrte, wo er 1768 verarmt starb, bezog sein Neffe ein regelmäßiges Gehalt, musste sich nach dem Einmarsch der Preußen allerdings neue Gönner suchen: im Jahr 1759 traf er in Wien ein, wo Kaiser Franz I. Stephan und Maria Theresia inmitten von Kriegswirren die Macht der habsburgischen Dynastie zu festigen suchten. Bellottos Ansichten von Schönbrunn zeigen die vorstädtische Kaiserresidenz auf dem Höhepunkt ihrer Pracht, in einem davon überbringt Graf Kinsky die Nachricht vom Sieg Österreichs über Preußen.

Bellottos Bilder zeigen vor allem jene Ideale, die der habsburgische Hof vermitteln wollte. Die körperliche Arbeit, auf der Wiens Prunk beruhte, bleibt dagegen eher eine Randerscheinung: eine Figur, die sich unter der Last eines Mehlsacks krümmt, ein Mädchen mit Krücke, eine verarmte Familie in einem Zelt.

Warum die Ausstellungsmacher die Büsten der Maria Theresia und ihres Gatten Franz Stephan mit voneinander abgewandtem Blick aufstellten, gibt Rätsel auf angesichts der Tatsache, dass die Liebe dieser beiden seinerzeit erheblichen Einfluss auf das Weltgeschehen nahm. Der Verfasser hat die Bildhälften deshalb kurzerhand vertauscht.

Natürlich reicht eine Stunde nur gerade so, um das Wesentliche zu erfassen und die vielen Details in den Bildern nachzuverfolgen: eigentlich müsste man sich viel mehr Zeit nehmen, allein schon um die beschriebenen Details in den Gemälden wiederzufinden. Oder um an einer der wenigen Medienstationen die Elemente, die nicht in Bellottos Epoche fallen, zu identifizieren, wodurch die Präsentation auch für Kinder zugänglicher wird.

Jene Unermüdlichen, die am Ende des Parcours über die beiden Venezianer noch ein wenig Konzentration übrig behalten haben, sollten sich im Anschluss zumindest noch den Teil der Dauerausstellung mit den ebenfalls sehr detailreichen Gemälden von ▸Pieter Bruegel d.Ä. und all den anderen ansehen, für die das Museum bekannt ist. Oder sich vornehmen, schon bald wieder nach Wien zu reisen. Wobei das eine ja das andere nicht ausschließt.

POI

Bis 6.9.2026, Wien

Canaletto und Bellotto

Beide Künstler malten zunächst spekta­kuläre Ansichten ihrer Heimat­stadt Venedig, verließen die Lagunen­stadt aber, um ihre Karriere im Ausland fort­zusetzen.

Museum, Berlin

Gemälde­galerie

Eine der welt­weit be­deu­tend­sten Samm­lun­gen euro­pä­i­scher Malerei vom 13. bis zum 18. Jahr­hun­dert. Meister­werke aus allen kunst­histo­ri­schen Epochen, darunter Gemälde von van Eyck, Bruegel, Dürer, Raffael, Tizian, Cara­vaggio, Remb­randt und Rubens.

Museum, Wien

Kunst­histo­risches Museum

Ge­mälde­galerie, Ägyp­tisch-Orien­ta­li­sche Slg., Antiken­samm­lung, Kunst­kammer, Münz­kabi­nett. Eines der größten und be­deu­tend­sten Museen der Welt. Objekte aus dem alten Ägypten, der Antike, dem Mittel­alter und der Neu­zeit bis etwa 1800.

Bis 19.7.2026, Wien

Cock­aigne. Schla­raffen­land der Zukunft?

In seinen Bild­welten zeigt Foto­künstler Gregor Sailer, wie die Land­wirt­schaft der Zukunft aus­sehen könnte.

Bis 21.6.2026, Wien

Gustave Courbet. Realist und Rebell

Die Schau führt von Courbets frühen ikoni­schen Selbst­porträts über seine revolu­tio­nären Gemälde bis hin zu seinen sinnlich aufge­ladenen Frauen­akten.

Bis 4.10.2026, Wien

Premiere!

Die Aus­stellung würdigt die lang­jährige Ver­bindung des Museums zur OeNB und zeigt erstmals um­fassend die beein­druckende Vielfalt der Kunst­sammlung der OeNB.

Ab 24.7.2026, Wien

Herbert Boeckl – Hans Joseph­sohn

Diese Gegen­über­stellung von Herbert Boeckl und Hans Joseph­sohn, die sich in ihren Leben nie begegnet sind, ver­deutlicht funda­mentale Parallelen in deren Auffassung.

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