Ausstellung 26.09.21 bis 06.02.22

Museum Sinclair-Haus

Tempo! Alle Zeit der Welt

Bad Homburg, Museum Sinclair-Haus: Die Ausstellung lädt dazu ein, das eigene Tempo- und Zeit-Bewusstsein im Verhältnis zur lebendigen Welt zu ergründen, zu schärfen und zu erweitern. Bis 6.2.22

Die Ausstellung widmet sich den Geschwindigkeiten der Natur und der Rolle des Menschen als zugleich Initiator und Opfer der Beschleunigung.

Bereits im Ausstellungstitel klingt das ambivalente Verhältnis zu Geschwindigkeit und Zeit an: die Redensart „Alle Zeit der Welt” im Untertitel setzt der Aufforderung „Tempo!” das Versprechen entgegen, dass die Zeit nie ausgeht. Und tatsächlich: Bis zum Tod haben wir Zeit. Doch wie schnell geht sie vorbei!

Das Streben, die begrenzte Lebenszeit optimal zu nutzen, wirft Fragen auf: Wie lässt sich Zeit gewinnen beziehungsweise ihr Verlust vermeiden? Wie können wir in noch weniger Zeit noch mehr schaffen? In welchen Zeiträumen denken und handeln wir? Und was ist eigentlich das Optimum der Zeitnutzung? Dichte oder Weite? Effizienz oder Verschwendung?

Dass Zeit Welt ist, gilt in zweifacher Hinsicht. Zum einen erleben Menschen die Welt zeitlich: als Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft. Dabei lässt der Boom der Achtsamkeits- und Entspannungstechniken den Mangel am Erleben des Hier und Jetzt vermuten und zeigt die Sehnsucht nach dem Innehalten.

Zum anderen sind Tempo-Empfinden, Uhr-Zeit, Lebenstempi und die technischen Beschleunigungsmittel gebunden an die Umwelt. Sie sind verstrickt mit Tag und Nacht, mit Lebensrhythmen anderer Lebewesen, mit Molekülen, mit der Erde selbst. Zeitknappheit und Beschleunigung erscheinen oberflächlich betrachtet als exklusiv menschliche (und menschengemachte) Probleme, doch ihre existenzielle Dimension liegt in dieser Verstrickung mit der lebendigen Welt.

Die Ausstellung lädt dazu ein, das eigene Tempo- und Zeit-Bewusstsein im Verhältnis zur lebendigen Welt zu ergründen, zu schärfen und zu erweitern. Sie blickt hinein in die Gegenwart menschlicher, pflanzlicher, technischer und molekularer Tempi. Dabei sucht sie eine Synthese von menschlichem Zeitempfinden und dem planetaren Fluss der Zeit. So geht sie dem Phänomen der Beschleunigung sowohl im ganz Kleinen, Persönlichen und Alltäglichen wie auch im Großen und Globalen nach.

Der Kohlenstoffkreislauf

Den Auftakt und zugleich das Herzstück der Ausstellung bildet ein Text- und Exponat-Ensemble zum Kohlenstoffkreislauf: Für die menschlichen Sinne und Lebensspannen unfassbare Prozesse werden mithilfe wissenschaftlicher Darstellungen, künstlerischer Arbeiten sowie literarischer Erzählkunst vorstellbar.

Lebenszeiträume

Die folgende Sequenz thematisiert die Parallelität menschlicher und nicht-menschlicher Lebenszeiträume und sucht nach Berührungspunkten. Drei Fotografien aus Rachel Sussmans Langzeitprojekt „The Oldest Living Things in the World” zeigen uralte Lebewesen, beispielsweise eine ca. 9.550 Jahre alte Fichte.

Das Entstehen neuer Landschaftsformen durch Infrastrukturen führt das Gemälde „Alpenpost auf der Stilfser-Jochstraße bei Trafoi” von Carl Bössenroth aus dem Jahr 1892 vor Augen: der Mensch richtet die Welt so ein, dass sie möglichst schnell durchquerbar ist, die glatte „Kunststraße” steht in starkem Kontrast zur unberührten Hochgebirgswelt.

Tempo-Erleben

Beim dritten thematische Schwerpunkt liegt der Fokus auf dem menschlichen Körper als dem eigentlichen „Tempo-Organ” des Menschen: sowohl Beschleunigung als auch Entschleunigung erleben, genießen oder erleiden wir körperlich.

Die gezeigten Kunstwerke, aber auch die Einblicke in die Kulturgeschichte des Weckers bringen Tempo-Erleben auf die individuelle, persönliche Ebene.

Im Mittelpunkt steht der schlafende Körper. Der Schlaf erscheint hier einerseits als notwendige Grenze der Beschleunigung, die andererseits häufig nicht als solche respektiert wird, sowie als klimaschonende Kulturtechnik mit revolutionärem Potenzial.

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